Musik

Apokalypse im Newsfeed

Popalbum der Stunde: "Pure Comedy" von Father John Misty.
© Guy Lowndes

Zwischen virtueller Welt und Bibelzitaten stellt Father John Misty einen ernüchternden Befund aus: Wir amüsieren uns zu Tode.

Innsbruck –Die Geigen klagen, eine zarte Melodie stützt sich schwer aufs Piano und Josh Tillmans schöne Stimme schwingt sich zur Akustikgitarre in lichte Pophöhen auf, dermaßen betörend, dass sich gleich ein ganzes Orchester dazugesellen wird – sachte und dezent. Einst ein wenig erfolgreicher Folksänger aus Maryland, schloss sich Tillmann 2008 den Fleet Foxes an, seine ersten Auftritte vor großem Publikum absolvierte er mit obligatem Vollbart hinter dem Schlagzeug sitzend. 2012 erfand sich der Songwriter als sardonischer Solokünstler Father John Misty neu – eine Persona, die ihm unter Einfluss halluzinogener Drogen zufiel.

Auf seinem dritten Album predigt der Father nun nichts weniger als den Untergang der Menschheit. Verstörend spitzzüngige Gesellschaftskritik, eingebauscht in folkigen Softrock-Wohlklang. Nobel geht die Welt zugrunde – und nicht ohne Witz: „Pure Comedy“, so der Titel dieses neuen Father-John-Misty-Meisterwerks, ist eine Art Göttliche Komödie für die digitale Intelligenzia, für Menschen, die im Angesicht des Todes noch schnell den Newsfeed checken („Ballad of the Dying Man“). Das muss bereits die Hölle sein, wundert sich das fahle Pferd im Song „When the God of Love returns, there’ll be Hell to pay“. Das todbringende, fahle Pferd, Bibelkennern von den apokalyptischen Reitern her bekann­t, ist Tillmann schon seit Kindheitstagen vertraut. Aufgewachsen in einem evangelikalen Elternhaus, wurde ihm beigebracht, dass alles Fleisch Sünde sei. Der Glaube wurde ihm gründlich ausgetrieben, doch der Stachel sitzt tief.

Nach Nick Cave nun also ein weiterer Popkünstler, der zur Bibelstunde lädt. Auch wenn Father John Misty im titelgebenden „Pure Comedy“ keinen Zweifel daran lässt, was er von den „frauenhassenden Epileptikern“ hält, die die heiligen Texte verfasst haben.

Die virtuelle Welt ist freilich auch nicht besser als die vergangener Tage. „Bedding Taylor Swift/every night inside the Oculus Rift“, singt Father John Misty in Anspielung auf die vielen Pornoangebote, die für Virtual-Reality-Headsets bereits auf dem Markt sind: „Total Entertainment Forever“ heißt dieser Song in Anlehnung an die Analyse „Wir amüsieren uns zu Tode“ des Medienwissenschafters Neil Postman. Ein nach wie vor aktueller Text, der so nebenbei die Erklärung liefert, wie ein Reality-TV-Star namens Donald Trump zum US-Präsident werden konnte. Am Tag nach Trumps Wahl brach Father John Misty übrigens auf der Bühne regelrecht zusammen. Lustig ist das alles längst nicht mehr.

„Fürchtet euch nicht“ („There is nothing to fear“) beruhigt er dennoch im finalen Song „In Twenty Years or So“. In 20 Jahren ist das menschliche Experiment Geschichte, heißt es da lakonisch. Father John Mistys Weltbefund ist so konzise und tragisch, dass es manche vielleicht komisch finden. Ganz ohne Hoffnung entlässt uns Tillmann aber nicht: „I hate to say it, but each other is all we got.“ Halleluja. (TT)