Charakterstudien mit spitzer Feder
Ein schönes Bildbändchen versammelt die „Brenner“-Karikaturen von Max von Esterle.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Mit selbstgefälligem, beinahe somnambulem Blick schweben sie über den Dingen, die für Musentempel und Kulturvermittlung zuständigen Honorationen. Schiefsitzende Heiligenscheine weisen sie als Scheinheilige aus, als „Kunstschein-Heilige“. So hat Max von Esterle (1870–1947) seine Karikatur von Franz von Wieser und Artur Graf Enzenberg überschrieben. Sie erschien 1910 in einer der ersten Ausgaben der Zeitschrift Der Brenner. Und entsprach ganz der von Herausgeber Ludwig von Ficker vorgegebenen Blattlinie: Die selbstzufriedenen „Herolde der Tiroler Heimatkunst“ sollten kritisch angegangen, Klüngel sichtbar gemacht werden. Konkret warf Esterle Wieser und Enzenberg vor, dass das Ferdinandeum – zum Leidwesen jüngerer Künstler – einen stockkonservativen Kurs fahre.
Esterles Karikaturen fielen auf, sorgten für Gesprächsstoff in Innsbrucks Kaffeehäusern. Auch weil sie die einzigen Bilder waren, die die „Buchstabenwüste“ Brenner zierten. Dass sie mit klarer Komposition auch heute – mehr als ein Jahrhundert nach ihrem ersten Erscheinen – als formschöne, mal offensiv bissige, mal wohlwollend hintersinnige Charakterstudien bezaubern, führt ein dieser Tage erschienenes, schmuckes Bildbändchen mit 50 Esterle-Zeichnungen vor Augen.
Selbst wenn das Gros der zu Papier gebrachten Persönlichkeiten inzwischen bestenfalls topographische Bedeutung haben: Man kennt die Wilhelm-Greil-Straße, aber wer war dieser Wilhelm Greil, den Esterle als streng schwarzgewandeten Kurzhaarschnittträger darstellt? Der Anmerkungsapparat gibt Auskunft: Langzeitbürgermeister und damit von 1896 bis 1923 Innsbrucks oberster Bauträger, allerdings nur bedingt interessiert an geistigem Kapital. Weshalb der Zeichner ihm in einer frühen Version – sie erschien 1909 in der Zeitschrift Föhn – einen feigenblattförmigen Bart unter die markante Nase klatschte.
Esterles spitze Feder machte auch vor der eigenen Zunft nicht Halt: Schon seine erste für den Brenner angefertigte Zeichnung zeigte Maler Albin Egger-Lienz als gewichtetragenden Kraftlackel. Wobei die „Tiroler Schwerathletik“ auf zweierlei anspielt: Einerseits zollt Esterle dem Aufbegehren der „Jungtiroler“ um Egger-Lienz Respekt; andererseits persifliert die Zeichnung Egger-Lienz’ monumentalen Stil im Allgemeinen – und dessen Bild „Haspinger“ im Speziellen.
In ihrem etwas kurzen, aber informativen Nachwort zu „Max von Esterle: Karikaturen und Zeichnungen“ bettet Herausgeberin Christine Riccabona ausgewählte Bilder in ihren historischen Kontext – und geht auf Werden und Wirken des Zeichners Esterle ein.
Gewürdigt wird auch sein Engagement als Obmann der Tiroler Künstlerschaft, der sich intensiv aber erfolglos um neue Ausstellungsräume bemühte. Die Schattenseite von Esterles Biografie wird in einem Satz abgehandelt: „Während des Zweiten Weltkriegs leitete er von 1939 bis 1941 die Reichskunstkammer Tirol“, steht da lapidar. Den Hinweis darauf, dass Esterle dafür unmittelbar nach dem so genannten „Anschluss“ Mitglied der NSDAP wurde, hätte man sich nicht sparen müssen.
Bildband Christine Riccabona (Hrsg.): Max von Esterle – Karikaturen und Zeichnungen. Limbus, 150 Seite, 18 Euro.
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