„Wir sind hier zuhause“: Marine Le Pen profitiert von Frust und Angst
Paris (APA/dpa) - Der Zuspruch für die Front National ist in Frankreich so stark wie noch nie vor einer Präsidentschaftswahl. Warum kann Mar...
Paris (APA/dpa) - Der Zuspruch für die Front National ist in Frankreich so stark wie noch nie vor einer Präsidentschaftswahl. Warum kann Marine Le Pen mit ihren nationalistischen Tönen punkten? Eine Reise durch ein aufgewühltes Land.
Ein Schrei donnert von den Rängen. Eine Gruppe Männer stimmt den Schlachtruf an, und Hunderte fallen ein, blau-weiß-rote Fahnen schwingend: „On est chez nous“, „Wir sind hier zuhause“. Eine Parole, die für Zorn auf das Fremde steht, auf Einwanderung und Konkurrenz aus dem Ausland, für das Gefühl von Bevormundung aus Brüssel und Berlin. Es ist der Frust, der Marine Le Pen stark macht.
Der Höhenflug der Front-National-Chefin lässt die französische Präsidentschaftswahl im April und Mai auch zu einer Abstimmung über Europa werden. Zum ersten Mal ist ein Sieg der Rechtspopulistin keine abseitige Vorstellung, die einfach beiseitegeschoben werden kann. Was ist los, dass Rufe nach Abschottung so ein starkes Echo finden? Eine Reise durch Frankreich zeigt eine Mischung aus Ängsten, Enttäuschung über die etablierte Politik und Wirtschaftsprobleme.
LILLE: „Wir haben keine Kaufkraft mehr“
Le Pen (48) steht auf der Bühne und winkt lächelnd ins Publikum. Der Auftritt in einer Konzerthalle in der nordfranzösischen Stadt Lille ist ein Heimspiel, ihre Front National (FN) ist in der verarmten Industrieregion im Norden fest verankert. Für William verkörpert sie die Hoffnung auf Erneuerung. „Wir wissen nicht mehr, wo es hingeht. Wir haben keine Kaufkraft mehr, wir haben nichts mehr“, sagt der 57-Jährige, ein „Marine Presidente“-Pin an der schwarzen Jeansjacke.
Er erzählt seine eigene Geschichte: Sohn eines Sozialisten, als Berufskraftfahrer durch Europa getourt, jetzt Frühpensionist. Er klagt über Konkurrenz aus den EU-Staaten im Osten: „Die haben mit dem Gehalt eines französischen Fahrers zwei Fahrer bezahlt“, erzählt er. „Das tötet den Transportsektor bei uns. Ich bin lieber mit einem sehr kleinen Einkommen in Pension gegangen, als weiter zu kämpfen und zu sehen, wie die anderen herkommen und uns unsere Jobs wegnehmen.“
Gwendal, 19 Jahre, bugsierte einen Bauchladen mit FN-Werbeartikeln durch die Menge. Er studiert an einer Pariser Universität Russisch und Spanisch. Seit drei Jahren unterstützt er die FN-Chefin. „Ich bin jung, und ich sehe die Arbeitslosenquote“, sagt Gwendal. Sie liegt nach Eurostat bei zehn Prozent, also viel höher als in Deutschland. Dass seit 2007 weder der konservative Staatschef Nicolas Sarkozy noch sein sozialistischer Nachfolger Francois Hollande das Problem in den Griff bekamen, wird oft als Argument gegen die beiden traditionellen Regierungsparteien genannt.
Frankreich habe wirtschaftlich keine Souveränität mehr, meint Gwendal. „Wir sind ein bisschen Frau Merkel und all den EU-Kommissaren unterworfen. Das ist eine Katastrophe.“ Die politische Klasse brauche Erneuerung. Er habe bei der FN noch niemanden getroffen, der rassistisch sei, versichert er.
Die Leute hätten weniger Hemmungen, sich als FN-Wähler zu bekennen, sagt Valerie Igounet. Die Historikerin beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit der Rechtsaußen-Partei. Die Wähler stellten sich heute hinter die Ideen der Front National: Sei es die Fremdenfeindlichkeit oder der Nationalismus. Häufig genannte Themen seien wirtschaftliches Leid und eine gespürte Bedrohung der französischen Identität. „Ihre Wahlentscheidung drückt ein Gefühl des Verrats und der Enttäuschung aus“, heißt es in ihrem neuen Reportage-Buch zum Thema.
BEAUCAIRE: Armut und ein FN-Politiker als Chef in Rathaus
Beaucaire im Süden, 16.000 Einwohner. Der Ort liegt zwischen den bei Touristen beliebten Städten Avignon, Nimes und Arles. Der Bahnhof, an dem nur wenige Regionalzüge halten, ist verwahrlost und voller Graffiti. Viele der malerischen Häuser im Stadtkern sind vernachlässigt, Geschäfte stehen leer. Die Armutsrate ist mit rund 28 Prozent (2013) fast doppelt so hoch wie im Landesschnitt.
Bei der Regionalwahl Ende 2015 stimmten hier im ersten Wahlgang fast 60 Prozent für Le Pens Partei - allerdings ging nur jeder Zweite zur Wahl. Vor drei Jahren eroberte ein junger FN-Politiker das Rathaus. Seitdem hat Julien Sanchez die Kommunalpolizei von 13 auf 23 Mitarbeiter aufgestockt und eine Straße „rue du Brexit“ getauft - also Straße des britischen EU-Austritts.
Wer auf dem Markt von Beaucaire mit Menschen spricht, spürt jede Menge Frust auf die französische Politik. „Wir haben nur Probleme“, meint Gwen, eine 30-Jährige aus Nimes mit Babybauch. „In unserem Land gilt: Je mehr man arbeitet, desto mehr zahlt man. Je weniger man arbeitet, desto mehr bekommt man.“ Sie hat noch nie für Le Pen gestimmt. Diesmal eine Option? „Ich weiß nicht.“
Im Büro des Stadtchefs steht das obligatorische Porträt des aktuellen Präsidenten Hollande (62) auf dem Boden. Der Sozialist hatte die Wahl vor fünf Jahren gewonnen. Auf Julien Sanchez‘ Schreibtisch stapeln sich Akten. „Ich will zeigen, dass die Verwaltung durch die FN gut läuft“, sagt der schlanke 33-Jährige im eleganten Anzug.
Sanchez lobt sich für eine leichte Senkung der Gemeindesteuern und eine sparsame Verwaltung. Für die FN, die bisher kaum in Machtpositionen gelangte, geht es in ihren Rathäusern darum, einen guten Eindruck zu hinterlassen.
„Ich habe kein Problem mit Eingewanderten“, betont der FN-Politiker. „Ich habe ein Problem mit den Eingewanderten, die nicht ehrlich sind, die Verbrechen und Straftaten begehen.“
Migration ist eines der Hauptthemen der FN. Marine Le Pen will sie zurückfahren. Die Zuwanderung ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen - einen Zustrom wie Deutschland in der Flüchtlingskrise erlebte das Land aber längst nicht. Das Thema wird meist mit dem Fokus auf eine stärkere Präsenz des Islam kritisiert, die seit Jahren zu Debatten über die französische Identität führt. Die islamistische Terrorserie hat die Brisanz nochmals erhöht.
BELLAC: Furcht vor dem Euro-Austritt
Sanft geschwungene Hügel, grüne Weiden mit Schafen, die mittelalterliche Kirche Notre-Dame: Bellac und Umgebung sind auf den ersten Blick eine Postkartenidylle. Doch der Eindruck trügt. In dem Ort in der Nähe der Porzellanmetropole Limoges haben viele Geschäfte für immer die Rollläden heruntergelassen. In der Gegend kauften zudem zahlreiche Briten günstig Häuser. Doch der Brexit bringt Unruhe und Unsicherheit. Der Zustrom von den Insel ebbt ab, berichten Bewohner.
Bei den Regionalwahlen kam die FN in Bellac auf ein Viertel der Stimmen. Nathalie Gal, Chefin einer alteingesessenen Gerberei, findet sich nicht mit diesem Trend ab. Die 43-Jährige bezieht Stellung gegen Marine Le Pen. Sie gab der Präsidentschaftskandidatin schon in einer Debatten-Sendung des TV-Senders France 2 Kontra. „Das Schlimmste an ihrem Programm ist der Austritt aus dem Euro und aus der EU“, bilanziert Gal. Le Pen fordert die Rückkehr zur nationalen Währung Franc und will die Franzosen über den EU-Austritt abstimmen lassen.
Gal hat nachgerechnet, was sie ein Euro-Austritt und die Einführung eines Neuen Franc in Frankreich kosten würde. „Für mich steigen die Einkaufspreise um bis zu 20 Prozent. Meine Kunden könnten dem nicht folgen.“ Sie sagt: „Wenn die extreme Rechte an die Macht kommt, höre ich auf und gehe weg. Ich kann nicht überleben.“
FORT-LOUIS: Wahl aus Unzufriedenheit
Ein kleines Dorf im Elsass, keine zwei Kilometer von der deutschen Grenze. Gerard Janus, der Bürgermeister von Fort-Louis, klickt auf seinem Laptop durch die Fotos von Marine Le Pens Besuch vor der Präsidentschaftswahl 2012: Er und die Vorsitzende der Front National vor einem Heer an Fernsehkameras. Polizisten, die sich ein Autogramm bei der Politikerin holen. Janus erinnert sich gern an den Tag: „Die Jungen wollten alle ein Foto mit Marine.“
Der 63-Jährige ist kein FN-Mitglied, doch er hat Marine Le Pen als „Pate“ unterstützt. Jeder Präsidentschaftskandidat braucht 500 Unterschriften von Volksvertretern, um antreten zu dürfen. „Ich habe es aus Sympathie gemacht“, sagt er. „Eins ist sicher, wenn wir die Front National und Marine in Frankreich nicht hätten, ich denke, dann hätten wir noch viel mehr Probleme.“ Sie seien vielleicht die einzigen, die etwas Ordnung schaffen würden. Seine Frau sei jedoch nicht einverstanden, dass er Le Pen seine Unterschrift gebe.
Janus erzählt, dass er einmal im Jahr mit einem deutschen Freund von der einen Rheinseite auf die andere schwimme. Er könne nie - wie die FN - sagen, „wir verlassen Europa“. In Europa gebe es aber viel zu überarbeiten. Beim Thema Sicherheit jedoch liegt er auf einer Linie mit Le Pen. Man müsse genau gucken, wen man ins Land lasse, sagt er.
Ob er in Fort-Louis mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen habe? Fremde die Sicherheit bedrohten? Nein, in seinem Dorf sei alles „propre“, berichtet Janus. Die Straßen gemacht, das Rathaus renoviert, ein neuer Festsaal gebaut. Kurz: 400 Kühe, 320 Einwohner, wenig Probleme.
Kommentare