Ein Baby namens „Evet“: Erdogans Referendum und die Kurden

Diyarbakir (APA/dpa) - Mustafa Celik macht kein Geheimnis daraus, wie er beim Verfassungsreferendum in der Türkei am kommenden Sonntag absti...

Diyarbakir (APA/dpa) - Mustafa Celik macht kein Geheimnis daraus, wie er beim Verfassungsreferendum in der Türkei am kommenden Sonntag abstimmen wird. Der 43-jährige Kurde ist so überzeugt vom Präsidialsystem, dass er seine Zustimmung zur Verfassungsänderung sogar für künftige Generationen festgehalten hat.

Seine Tochter, die am 26. Jänner zur Welt kam, hat Celik „Evet“ genannt - „Ja“. Celik ist nicht der einzige Kurde, der einst die HDP gewählt hat, den die pro-kurdische Partei inzwischen aber ans Lager von Staatschef Recep Tayyip Erdogan verloren hat. Wer darauf hofft, dass die Kurden Erdogans Präsidialsystem verhindern, könnte sich getäuscht sehen.

Verlässliche Untersuchungen gibt es nicht, aber geschlossen gegen Erdogans Pläne stehen die Kurden sicherlich nicht. Mit etwa 20 Prozent stellen sie die größte Minderheit in der Türkei. Stärkste Kraft in ihrer Region im Südosten ist die HDP, der 2015 mit einem Anti-Erdogan-Kurs der Einzug ins Parlament gelang. Auch Erdogans AKP genießt unter konservativen Kurden aber Unterstützung. Die Provinz Diyarbakir, in der Celik lebt, hat 2015 elf Abgeordnete nach Ankara geschickt: Neun von der HDP und zwei von der AKP.

Celiks 250-Seelen-Dorf Gecitli liegt eineinhalb Stunden Fahrt von der Stadt Diyarbakir entfernt. Zu dem einfachen Haus des Bauern führt ein schlammiger Pfad, auf dem kläffende Hirtenhunde Wache halten. Celik empfängt den Besuch im sonnigen Hof, wo Küken nach Körnern picken, die Kühe der Familie stehen ein paar Meter entfernt. Celik hat sich in Schale geworfen, er trägt einen alten braunen Anzug mit Ärmelschonern, nach dem Interview will er in die Stadt fahren. Er genießt die Aufmerksamkeit, die ihm der Name seiner Tochter beschert.

Celik hält es für das naturgegebene Recht des Mannes, mehrere Ehefrauen zu haben, auch wenn das in der Türkei illegal ist. Evets Mutter Songül ist seine zweite Frau, er hat sie geheiratet, als sie 14 Jahre alt war. Gerne hätte er noch eine dritte Ehefrau, „aber unberührt, nicht zweite Hand“, betont er. Acht Kinder hat Celik bisher gezeugt, zuletzt Evet, deren Personalausweis er stolz vorzeigt. Der Grund für die unorthodoxe Namenswahl sei natürlich das bevorstehende Referendum gewesen, bekräftigt auch die heute 28 Jahre alte Mutter: „Wir haben sie für Erdogan Evet genannt.“

Von der HDP - die strikt gegen das Präsidialsystem ist - ist Celik bitter enttäuscht. „Sie haben 80 Sitze im Parlament bekommen. Was haben sie gemacht? Sie haben das Volk betrogen.“ Er wirft der HDP vor, gemeinsame Sache mit der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gemacht zu haben, die er „Terroristen“ nennt. „Ich hatte gehofft, dass die HDP für den Frieden arbeitet.“ Celik macht die PKK und die HDP für den Zusammenbruch des Friedensprozesses im Sommer 2015 verantwortlich, bei Erdogan sieht er keine Schuld - im Gegenteil.

Erdogan wolle Frieden und habe nicht nur für die Kurden, sondern für alle Türken viel geleistet, sagt Celik. „Er hat Autobahnen gebaut und Krankenhäuser.“ Wenn Celik spricht, kann man Sätze aus Erdogans täglichen Wahlkampfveranstaltungen heraushören, die im ganzen Land live und in voller Länge übertragen werden. So teilt Celik etwa Erdogans Mantra, „der Westen“ unterstütze die PKK, um Frieden in der Türkei und den Aufstieg des Landes zu verhindern.

Die Offenheit, mit der sich kurdische „Ja“-Sager wie Celik zu Erdogan bekennen, ist verblüffend. Repräsentativ für Diyarbakir stehen sie nicht. Natürlich gibt es auch massenhaft „Nein“-Sager wie Ismail Üzmez. Der 65-Jährige stammt aus Sur, dem historischen Viertel in der Stadt Diyarbakir, das bei Gefechten zwischen der PKK und der Armee weitgehend zerstört wurde. Üzmez macht dafür Erdogan verantwortlich.

„Kurden, die mit „Ja“ stimmten, verhalten sich wie Blinde. Sie sehen die Wahrheit nicht“, sagt Üzmez. „Sie hoffen, dass sie davon profitieren werden. Aber diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen.“ Ob er bei einem „Ja“ eine Ein-Mann-Herrschaft befürchte? „Wir haben sowieso schon eine Diktatur“, sagt er. „Ich glaube, dass uns weder ein „Ja“ noch ein „Nein“ nützen wird. Aber wenn „Nein“ („Hayir“) gewinnt, bekommen wir vielleicht wenigstens etwas Luft zum Atmen.“

In der Nachbarschaft von Üzmez in Sur lebte auch Semra Büyüm. Die Zerstörung lastet die 26-Jährige aber nicht Erdogan, sondern der PKK und der HDP an - jener Partei, die sie 2015 gewählt hat. Die inhaftierten HDP-Chefs Selahattin Demirtas und Figen Yüksekdag würde Büyüm am liebsten lebenslang einsperren oder zumindest aus der Türkei verbannen lassen. Ihre Wahl beim Referendum ist klar: „Bis zum letzten Tropfen unseres Blutes sagen wir „Ja““. Büyüms Freundin Hülya Dagan (32) - auch sie einst HDP-Wählerin aus Sur - fügt hinzu: „Wir wollen, dass Erdogan unser Präsident ist, solange er lebt.“

Ziya Pir kämpft dafür, kurdische „Ja“-Sager zum Umdenken zu bewegen. Seit 2015 ist der Deutsch-Türke HDP-Abgeordneter für Diyarbakir. „Wir haben Schwierigkeiten, die Menschen zu mobilisieren“, räumt er ein. Pir beklagt „Schikanen“ der Polizei bei Wahlkampfveranstaltungen. Innenminister Süleyman Soylu prahlt damit, das Wahlkampflied der HDP mit dem Titel „Na“ - kurdisch für „Nein“ - kurzerhand verboten zu haben. „Passt auf, sobald Ihr ihnen Spielraum lässt, vermehren sich die Aasgeier überall in diesem Land“, warnte Soylu kürzlich.

HDP-Chefin Yüksekdag wurden nach Gerichtsurteilen ihr Abgeordneten-Mandat und der Parteivorsitz aberkannt. Neben ihr und ihrem Ko-Vorsitzenden Demirtas sitzen mehrere andere HDP-Abgeordnete unter Terrorvorwürfen in Untersuchungshaft. Zahlreiche pro-kurdische Bürgermeister wurden von der Regierung abgesetzt. „Erdogan nimmt die ganze Substanz aus der Partei raus. Er höhlt die Partei aus“, sagt Pir. „Das ist momentan schlimmer als ein Parteiverbot.“

Davon lasse er sich zwar nicht entmutigen, sagt Pir. „Was bei mir aber ein Ohnmachtsgefühl hervorruft, ist, wenn ich Kurden treffe, die „Ja“ sagen. Manchmal hören wir: Wenn einer das Kurdenproblem löst, dann Erdogan. Oder die Leute fragen uns: Hätte die HDP nicht anders handeln können?“, sagt der Abgeordnete mit Blick auf die Kämpfe in Sur und anderen kurdischen Städten. „Aber was hätten wir machen sollen? Wir bestimmen ja die Politik nicht.“ Ziel der HDP sei nun nicht nur ein „Nein“ beim Referendum insgesamt. „Wir brauchen in Kurdistan ein ganz deutliches „Nein“. Sonst wird sich Erdogan in seiner Politik bestärkt fühlen und noch härter vorgehen als jetzt.“