Die Wahrheit hinter dem Grauen
Ein moralisches Dilemma für Kinogeher: Nate Parkers Film „The Birth of a Nation“ erzählt von den Qualen der Sklaven auf den Baumwollplantagen und dem ersten Aufstand gegen ihre Unterdrücker.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Nach der Missachtung der Leistungen afroamerikanischer Künstler in Hollywood auf den Nominierungslisten für die Oscars fanden sich Ende Jänner 2016 die Besucher des Sundance-Festivals, überwältigt von den Bildern im Epilog von Nate Parkers „The Birth of a Nation“, im Besitz der Gewissheit kommender Triumphe. Denn sie hatten eben den Film des Jahres und den sicheren Sieger der Oscarnacht von 2017 gesehen. Zu Nina Simones Version von „Strange Fruit“ fährt die Kamera in einen Wald, in Lumpen gekleidete Sklaven hängen erstickt oder mit gebrochenem Genick von den Ästen der Bäume und hinter dem Wald – 30 Jahre sind vergangen – sitzen die zuvor gequälten und gedemütigten Sklaven stolz auf Pferden, um im Bürgerkrieg auf der Seite der Nordstaaten gegen ihre Folterer und Unterdrücker zu kämpfen. Der Film gewann in Sundance den Jury- und Publikumspreis, die folgende Bieterschlacht um die Kinorechte gewann ausgerechnet Rupert Murdochs Fox Searchlight für 17,5 Millionen Dollar.
Der Schauspieler Nate Parker, der mit einem Sundance-Stipendium das Drehbuch entwickelt hatte, schaffte mit seinem Regiedebüt auch eine Korrektur der amerikanischen Filmgeschichte, verweist doch die Wahl des Titels auf den ersten Blockbuster des US-Kinos. D. W. Griffith (1875–1948) hatte mit der Erfindung von Großaufnahme, Totale und Rückblende die Filmsprache revolutioniert, aber mit seinem Drei-Stunden-Epos „The Birth of a Nation“ eine niederträchtige Sicht auf die amerikanische Geschichte inszeniert, die zwar in den Städten Demonstrationen auslöste, aber ein Millionenpublikum in die Kinos lockte. Die Guten in Griffiths Bürgerkriegsdrama sind die maskierten Reiter des Ku-Klux-Klans, die für ein weißes Amerika kämpfen. Nach den großen Schlachten verkündet ein Zwischentitel die Versöhnung bei der Entdeckung eines gemeinsamen Ziels: „Die früheren Feinde aus Nord und Süd wieder vereint in der gemeinsamen Verteidigung ihres arischen Geburtsrechts.“ Griffith, der in der Ära nachlässiger Abrechnungen vom Millionenerfolg nicht profitieren konnte, bestand bis zuletzt darauf, „nur die Wahrheit” in seinem rassistischen Propagandafilm erzählt zu haben.
Nate Parker nutzt für seinen Gegenfilm die Erfindungen des Kinopioniers, um die Zuschauer mit oft unerträglichen Großaufnahmen emotional dorthin zu lenken, wo er die Wahrheit vermutet: Das Grauen mit allen in der Sklaverei erlittenen Schmerzen soll jede Form der Rache rechtfertigen.
Die Baumwollplantage der Turners erscheint im Vergleich zu anderen Sklavenbetrieben in Virginia 1809 als Idylle. Die Besitzverhältnisse werden allerdings schon bei harmlosen Kinderspielen sichtbar. Wenn Samuel Turner zum Essen ins Herrenhaus gerufen wird, bleibt Nat hungrig zurück, seine Schwester muss sich mit einem Strick um den Hals wie ein Tier von Samuels Schwester über den Hof ziehen lassen. Elizabeth Turner (Penelope Ann Miller), die Frau des Plantagenbesitzers, entdeckt in Nat eine Sensibilität, die sie inspiriert, dem Kind das Lesen beizubringen. Als Lektüre kommt nur die Bibel in Frage, die anderen Bücher „sind für Weiße“ und damit tabu. Der Eifer, sich mit der Schrift vertraut zu machen, befreit ihn nicht von der Arbeit. 20 Jahre später kann Nat Turner (Nate Parker) die Bibel auswendig.
Die Vermietung des Predigers wird für Samuel Turner (Armie Hammer), den ehemaligen Spielgefährten und neuen Besitzer der inzwischen heruntergekommenen Plantage, zum Rettungsanker. Mit ausgewählten Bibelzitaten soll Nat widerspenstige Sklaven zum Erdulden der Peitschenhiebe anregen, der Weg zum Baumwollfeld soll wie jener zur Erlösung leuchten. Als ein Sklave, dem mit Hammer und Meißel die Zähne ausgeschlagen werden, mit weit aufgerissenen Augen die Gottesfurcht verweigert, kommen dem frommen Nat erstmals Bedenken; zum Rebellen macht ihn der Anblick seiner Frau, die nach der Vergewaltigung durch berüchtigte Sklavenjäger unter Blut und Schwellungen nicht mehr zu erkennen ist.
Nate Parkers „The Birth of a Nation“ folgt der historischen vom Prediger Nat Turner angeführten Sklavenrevolte von 1831. In einem 48 Stunden dauernden Massaker wurden etwa 60 Sklavenhalter getötet. Nach der Hinrichtung Hunderter Angehöriger der Aufständischen bleibt die Kamera minutenlang auf dem Gesicht Turners, der qualvoll erstickt wird. Der in Sundance ausgebrochene exzessive Jubel nach diesem Horror erscheint dann doch etwas fragwürdig.
Zum US-Kinostart im vergangenen Herbst wurden Nate Parker und sein Co-Autor Jean McGianni Celestin von Journalisten mit einem Gerichtsverfahren aus dem Jahr 1999 konfrontiert, in dem die beiden wegen der Vergewaltigung einer Studentin angeklagt und freigesprochen worden waren. Das angebliche Opfer beging 2012 Selbstmord. Der Kommentar des Regisseurs bei einer Pressekonferenz, das Ereignis liege doch schon so weit zurück, ließ den Film, befördert von Murdoch-Medien, an den Kinokassen abstürzen. Bei den Oscars triumphierte mit „Moonlight” ein anderer afroamerikanischer Film.
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