Radsport

4800 Kilometer aus Sucht und Qual quer durch Amerika

Für Extrem-Radsportler Patric Grüner geht heuer ein Lebenstraum in Erfüllung: Der 31-jährige Ötztaler startet im Juni beim Race Across America. Der Weg dorthin ist lang und steinig – nicht nur im sportlichen Sinne.

Von Roman Stelzl

Kematen –Sich selbst eine Sucht einzugestehen, gilt als erster Schritt der Besserung. Im Falle Patric Grüner ist die Form der Besserung aber nur im sportlichen Sinne da – und liest sich als Verdoppelung der Leistungsfähigkeit. Und damit auch der Leiden.

„Radfahren ist meine Sucht. Wie die Zigarette für den Raucher. Wenn ich zwei Wochen nicht Rad fahre, bin ich ungenießbar“, erzählt der Ötztaler Extrem-Radsportler mit einem Lächeln. Beim Race Across America (RAAM) ab 13. Juni wird Grüner 4800 Kilometer zurücklegen. Am Stück. Seine Belastungsgrenze lag bei 2200 Kilometern beim Race Around Austria, das er dreimal als Zweiter beendete. Nun nehmen die Strapazen neue Ausmaße an – zugleich wird seine RAAM-Premiere damit zur Reise ins Ungewisse.

Es ist ein Lebenstraum, der für den 31-jährigen Längenfelder in Erfüllung geht. Nach Jahren der Vorbereitung und Sponsorensuche brachte Grüner die über 50.000 Euro zusammen, die das Projekt verschlingt. Rein sportlich ist es schon ein Grenzgang eigener Güteklasse – und das ist es auch organisatorisch.

Für die Wüstenbedingungen wird in der heißen Sauna trainiert.
© Grüner

An die 600 Kilogramm Ausrüstung müssen in die USA geschafft werden. Ernährung, Getränke, Gels – das alles reist ebenfalls mit über den großen Teich. „Ich bekomme nicht 100 Prozent das gleiche Zeug dort. Das ist mein Benzin – und ich brauche zwölf bis 15 Liter Flüssigkeit am Tag“, ergänzt Grüner.

Drei Autos mit zwölf Betreuern folgen dem früheren Nachwuchs-Kicker, der erst über die Therapie zum Radsport fand. Die Logistik übernimmt komplett Freundin Carina – jeder Gegenstand, der verschifft wird, muss genau protokolliert werden, ehe es im Mai in die USA geht.

Dann erst wird Grüner die Basis haben, um auch sportlich nachlegen zu können. Der Ehrgeiz ist auf jeden Fall da: „Um nur ins Ziel zu kommen, trainiere ich zu viel. Die Top drei sind drinnen.“ Die 4800 Kilometer quer durch die USA sollen in „acht bis neun Tagen Fahrzeit“ erledigt sein. „Eine Stunde Schlaf am Tag, dann 23 Stunden am Stück durchfahren“ lautet der Plan.

Trainiert wird dafür 20 bis 30 Stunden die Woche – unter anderem mit dem Rad in der Sauna, um die Hitze der Wüste zu simulieren. Die Qual wird dabei ausgeblendet. Und das ist neben der Sucht nach dem Radsport Grüners zweite große Qualität – sportlich gesehen. „Ich habe die Gabe, die Schmerzen auszublenden“, sagt Grüner und ergänzt in Hinblick RAAM: „Treten, essen, trinken – das ist meine Aufgabe. Und ich kenne meinen Körper gut. Ich weiß, dass ich das schaffen werde.“