Zirkusschule hilft syrischen Flüchtlingskindern bei Integration

Damaskus/Ankara (APA/AFP) - Von der Terrasse in der Altstadt von Mardin bietet sich ein atemberaubender Blick über die mesopotamische Tiefeb...

Damaskus/Ankara (APA/AFP) - Von der Terrasse in der Altstadt von Mardin bietet sich ein atemberaubender Blick über die mesopotamische Tiefebene bis hinüber nach Syrien. Doch die Kinder, die in dem Verein Her Yerde Sanat (Überall Kunst) in der Stadt im Südosten der Türkei auf Stelzen balancieren oder mit Keulen jonglieren, haben keinen Sinn für die Aussicht.

Sie sind ganz konzentriert auf ihre Hände, ihre Beine und die Kunststücke, die sie in der Zirkusschule lernen. „Sie helfen sich und bringen sich gegenseitig Dinge bei“, sagt Pinar Demiral, die den Verein 2014 mitbegründet hat. „Dies ist ein Raum, in dem sie Respekt erfahren und Kompetenzen lernen, um ihr eigenes Gleichgewicht wiederzufinden.“ Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen, die an den Kursen des Vereins teilnehmen, sind syrische Flüchtlinge, und viele von ihnen sind durch den Bürgerkrieg traumatisiert.

„Wir arbeiten mit Kindern, deren Vergangenheit durch den Krieg geprägt ist“, sagt Demiral. Am Anfang gebe es oft Spannungen zwischen den syrischen und türkischen Kindern, doch tue der Verein alles, um Konflikte zu vermeiden. „Vom ersten Tag an sagen wir ihnen, dass die einzige Regel hier ist, sich nicht zu schlagen“, sagt Demiral. Gewaltlosigkeit und Sicherheit seien enorm wichtig für die traumatisierten Kinder.

Fast drei Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei, nur zehn Prozent davon wohnen in Lagern. Die anderen leben verstreut über die Städte und Gemeinden, wo viele Erwachsene Arbeit gefunden haben und oft relativ gut integriert sind. Der Verein Her Yerde Sanat hat sich zum Ziel gesetzt, den Flüchtlingskindern zu helfen, sich möglichst rasch in die türkische Gesellschaft hineinzufinden.

Im Erdgeschoß trainieren Kinder Jonglieren, Trapez und andere Kunststücke, während eine andere Gruppe hoch konzentriert auf Trommeln übt. Auch Türkischkurse werden für die jungen Syrer angeboten, die mangels Sprachkenntnissen zumeist nicht die Schule in der Türkei besuchen können. Finanziert wird der Verein von der Schweizer Regierung und der Hilfsorganisation International Medical Corps (IMC).

„Ich habe meinen Sohn eingeschrieben, damit er sich nicht auf der Straße herumtreibt“, sagt Mohammed Cheir Kassim. Der Syrer ist vor vier Jahren aus Damaskus geflohen und hat in dem Verein dank seiner Erfahrung als Schuldirektor eine Anstellung als Koordinator gefunden. Die meisten anderen Mitarbeiter sind Freiwillige. Alle Syrer würden davon träumen, ihr Kind „in ein solches Paradies“ zu geben, sagt Kassim.

Die Jugendlichen werden angehalten, bei der Betreuung der kleineren Kinder mitzuhelfen - eine Aufgabe, der sie sich mit großem Ernst widmen. „Ich habe hier Dinge gelernt, die mich zu einem besseren Menschen gemacht haben“, sagt der 15-jährige Ejad Hadj Mahmud aus Aleppo. Und die Mutter von Nursena, einem türkischen Mädchen aus Mardin, freut sich, dass ihre Tochter „mehr Selbstvertrauen gewonnen hat“.

Für die Kinder sei er etwas zwischen „Vater“ und „Freund“, sagt Kassim, als er in der Mittagspause tadellos in einen Anzug gekleidet aus einem großen Kessel Essen an seine Schützlinge austeilt. Mal würden sich die Kinder ärgern, mal sich mit ihren Betreuern streiten, sagt Kassim. Doch am Ende des Tages teilten alle ein gemeinsames Ziel: den Kindern zu erlauben „zu lachen und zu spielen“.