„The Founder“

Gebrochene Herzen und Verträge

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John Lee Hancock kratzt in „The Founder“ über den Unternehmer Ray Kroc am Gründungsmythos der McDonald’s-Imbisskette.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Da sich die kulinarische Erwartung an den amerikanischen Hamburger in Grenzen hält, ist die Überraschung umso größer, wenn ein Autor dem schalen Geschmack eine runde Metapher abringen kann. Nachdem Norman Mailer 1967 während der Demonstration gegen den Vietnam-Krieg in Washington verhaftet worden war, wurde ihm im Gefängnis ein Happen aus einem nahen McDonald’s serviert. Aber der Autor bekam nicht einfach einen Hamburger, sondern „einen ganzen Berg billiger Süßlichkeit und chemischer Säure auf faden Semmeln mit aus minderwertigem Hackfleisch gebratenen Frikadellen“, schrieb Mailer in seinem Reportageroman „Heere aus der Nacht“, „sie schmeckten eigentlich nur dann, wenn man sich gleichzeitig riesige Reklametafeln vorstellte und ein Drive-in-Restaurant mit Kellnerinnen in knappen Höschen und Cowboystiefeln. Ja – in Amerika gab es zu allem immer gleich ein schönes Bild: Man kaute an seinem Hamburger und erhielt die amerikanische Überlandstraße als Geschenk dazu.“ Die Verknüpfung von Fastfood mit den nationalen Mythen ist auch das dramaturgische Gerüst in John Lee Hancocks „The Founder“, der Kinobiografie über Ray Kroc (1902–1984), der sich als Gründer und Erfinder der Idee McDonald’s gesehen und beschrieben hat. Aber die Erinnerungen des Milliardärs trügen – Hancock zeigt die unangenehme Wahrheit.

Damit das Unternehmen der Enthüllungen gelingen kann, drängt sich Ray Kroc (Michael Keaton) wie vor Jahren Leonardo DiCaprios Anlagenbetrüger Jordan Belfort in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ vor die Kamera, um seine Geschichte zu erzählen, und auf der Stelle sind wir zu seinen Komplizen geworden. Diese Methode lässt sich nicht endlos kopieren, aber die entscheidende Frage ist auch hier: Kann ein Mensch, der Amerika den kulinarischen Puzzlestein in diesem seit Generationen beschworenen Traum geschenkt hat, ein schlechter Mensch sein? Da wir uns auch des Vergnügens am Verfolgen dieser Erzählung nicht berauben wollen, sagen wir guten Gewissens: nein. Irgendwann ziehen sogar die Opfer dieses habgierigen Raubtiers angesichts der Unverfrorenheit, sich fremde Ideen und Rechte anzueignen, sprachlos den Hut.

Wie die Helden der Beat Generation durchquert Ray Kroc (Michael Keaton) auf der Route 66 den amerikanischen Kontinent. Täglich wuchtet der Handelsvertreter einen schweren Mixer aus dem Kofferraum. Kein einziges Mal kann er das Auftragsbuch zücken, bald wird ihn das Schicksal von Arthur Millers Willy Loman ereilen, wenn ihn die Einsicht, den eigenen und den Ansprüchen seiner Frau Ethel (Laura Dern) nicht genügen zu können, endgültig zum Verlierer stempelt. Die Abende vertreibt er sich im Kino und zeigt dabei Kennerschaft. Elia Kazans „Die Faust im Nacken“ hilft auch bei der Datierung – 1954 – , zum Einschlafen nutzt er eine Schallplatte über positives Denken. Die Nachricht, dass irgendein Saftladen in San Bernardino (100 Kilometer östlich von Los Angeles) sechs seiner Mixer geordert hat, bringt Krocs Adrenalin zum Fließen, denn bei diesem Mixer handelt es sich um eine Fabrik für Milkshakes.

Die Besteller der professionellen Küchenmaschine, Mac (John Carroll Lynch) und Dick McDonald (Nick Offerman), scheinen etwas von Gastronomie zu verstehen. Als Kroc am Ziel seiner Reise vor einer kleinen, gemauerten Imbissbude in San Bernardino steht, sieht er die Zukunft. Die McDonalds, zwei naive Brüder ohne Ambitionen und Gier, haben die perfekte Küchenchoreographie entwickelt, sodass zwischen Bestellung und Ausgabe von Burger und Milkshake nur zwanzig Sekunden liegen. Wie ein Postkartenmaler verziert Kroc den Kontinent mit dieser speziellen McDonald’s-Architektur. Der Clou seiner Vision ist der Erwerb jener Immobilien, die von den Lizenznehmern gemietet werden müssen. Wie Kroc den sympathischen Brüdern den „guten amerikanischen Namen“ mit juristischen Tricks abjagt („Verträge sind wie Herzen, beide sind gemacht, um gebrochen zu werden“), gehört zu den unglaublichsten Vorgängen in der US-Wirtschaftsgeschichte und zum größten Vergnügen, das derzeit – auch dank Michael Keaton – geboten wird.