“Die Taschendiebin“: Gefälschte Gefühle und Bilder
Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook entwirft im erotischen Thriller „Die Taschendiebin“ eine magische Welt zwischen Bibliothek, Garten und Folterkammer.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Wie Franz Kafkas Josef K. in „Der Prozess“ finden sich auch die Figuren in den Filmen des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook, „ohne etwas Böses getan zu haben“, plötzlich in unbehaglichen Situationen. 20 Jahre lang grübelt ein Mann in „Oldboy“ (2003) in einem Verlies über eine verdrängte Schuld, bis er mit der Nase auf eine Indiskretion in der Schule gestoßen wird. Der Mann hat die Jahre in der Zelle zur Abhärtung seiner Fäuste genutzt und für das, was er anschließend als Rächer mit diesen anstellen kann, gewann Park die Goldene Palme in Cannes.
In „Lady Vengeance“ (2005) wendet sich eine Schülerin an ihren Lehrer, um bei ihm ein Kind zu gebären, von dessen Existenz ihre Umwelt nichts erfahren darf. Der Lehrer ist allerdings ein Kindesentführer, der die Eltern seiner Opfer erpresst, ohne an die Rückgabe der Kinder zu denken. Es ist die Schülerin, die für diese Verbrechen in das Gefängnis geht und nach 20 Jahren eine Rachestrategie entwirft, die so blutig im Kino zuvor noch nie zu sehen war.
In seinem Hollywood-Debüt „Stoker“ (2013) tötet Charlie seine Spielgefährten in der Sandkiste. Nach 20 Jahren in der Psychiatrie rächt er sich, inzwischen Onkel Charlie geworden, an seiner Familie, bis er in seiner Nichte seine Meisterin findet. Vielleicht liegt es an seiner Erziehung – Park absolvierte in Südkorea eine Jesuitenschule –, aber die Idee des Unschuldigen gibt es in seinen Filmen nicht. Bereits im Prolog seines neuen Films „Die Taschendiebin“ breitet er alle Motive seines Kino-Universums aus.
Durch die Straßen der koreanischen Kleinstadt marschieren japanische Soldaten, doch den Besatzern schlägt in den 1930er-Jahren statt Hass eher Bewunderung entgegen. Sookee (Kim Tae-Ri) lebt vom Trickdiebstahl und dem Raub von Kleinkindern, die nach Japan verkauft werden. Ein Vermögen winkt ihr, wenn sie als Dienstmädchen die reiche Japanerin Hideko (Kim Min-Hee) von den Vorzügen des Grafen Fujiwara (HaJung-Woo) als Ehemann überzeugen kann. Nach der Hochzeit, sagt zumindest der Graf, wolle man Hideko in einem Irrenhaus entsorgen und die Beute teilen. Da gibt es aber noch Herrn Kouzuki (Cho Jin-woong), der seinerseits seit Hidekos Geburt an einem ehrgeizigen Lebensplan arbeitet. Der Besitzer der weltweit größten erotischen Bibliothek möchte seine Nichte heiraten, um sich deren Vermögen zur Finanzierung seiner Sammelleidenschaft anzueignen. Im zweiten Teil der Geschichte (nach dem Roman „Solange du lügst“ von Sarah Waters) stellt sich die Intrige anders dar. Fujiwara ist ein Hochstapler, der in Japan Manieren und Malerei studiert hat, um für Herrn Kouzuki die kostbaren Bücher zu fälschen. Bei diskreten Auktionen versetzt Hideko als Geisha und Vorleserin mit Texten im Stil des Marquis de Sade die Bieter in Raserei, die erotischen Illustrationen erledigen den Rest. Der perfide Plan des falschen Grafen sieht nun vor, das Dienstmädchen an Hidekos Stelle im Irrenhaus abzuliefern.
Der dritte Teil der Intrige hält neben Demaskierungen auch Wendungen bereit, da neben dem Figurenquartett noch Haus, Bibliothek und Garten entscheidende und in der eleganten Inszenierung ebenbürtige Rollen übernehmen. Der japanische Garten bietet neben einem Modell der Welt Kontemplation, unter der Bibliothek verbirgt sich ein Folterkeller mit raffinierten Instrumenten für das finale Duell. Nach dem Durcheinander aus falschen Identitäten und Gefühlen kehrt endlich Ordnung ein.
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