Das neue Große Spiel? - Wie Russland in Afghanistan mitmischt
Kabul/Moskau (APA/dpa) - Ob beim russischen Militärchef oder beim Außenminister - für Hanif Atmar, einen hohen Berater des afghanischen Präs...
Kabul/Moskau (APA/dpa) - Ob beim russischen Militärchef oder beim Außenminister - für Hanif Atmar, einen hohen Berater des afghanischen Präsidenten, stehen in Moskau viele Türen offen. Russland ist besorgt über die Entwicklungen im kriegszerrissenen Afghanistan.
Auffallend häufig schütteln sich Politiker aus den beiden Ländern in letzter Zeit die Hand, während Afghanistans große Schutzmacht USA und die NATO sich militärisch schon 2014 weitgehend zurückgezogen hatten. Löst Russland nun die USA als neuer starker Partner in Afghanistan ab?
Mit einer großen Afghanistan-Konferenz festigt Russland seinen Einfluss auf die Entwicklungen am Hindukusch. Es ist schon das zweite Treffen in diesem Jahr. Experten aus zehn Staaten beraten am Freitag in Moskau über die wachsende Unsicherheit in Afghanistan und den Friedensprozess mit den radikalislamischen Taliban. Großmächte wie Russland und China sitzen am Tisch, und sogar zerstrittene Nachbarn wie Indien und Pakistan sowie die fünf Ex-Sowjetrepubliken aus Zentralasien sind dabei.
Nur die USA haben abgesagt. Die Beziehungen zwischen Russland und den USA sind gespannt. Manche beschwören schon eine Neuauflage des sogenannten Great Game - des Großen Spiels. So wurde ein historischer Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Kontrolle Zentralasiens bezeichnet. Zwischen 1813 und 1947 hatten die Großmächte ihren Zank oft auf afghanischem Boden ausgetragen. Während des US-gestützten Kampfs der Afghanen gegen die Sowjetunion in den 1980er-Jahren wurde der Begriff wieder aufgewärmt.
Nachdem die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschiert war, entbrannte ein verlustreicher Krieg. Er endete 1989 mit dem Rückzug der Sowjet-Armee, geschlagen von den Mujaheddin - afghanischen Kriegern, die Pakistan ausgebildet hatte mit viel Geld aus den USA. Afghanistan gilt seitdem als Trauma für die russische Militärelite. Die Afghanistan-Politik war lange zurückhaltend.
Was bewegt Russland also dazu, sich nun doch wieder stärker zu engagieren? Zum einen sei da der massive Drogenschmuggel aus Afghanistan, dem weltgrößten Opium-Produzenten, nach Zentralasien, sagen Experten. Das Milliardengeschäft weitet sich mit dem Krieg nur weiter aus. Im „Opium-Überblick 2016“ der UNO heißt es, die Schlafmohn-Anbauflächen seien innerhalb eines Jahres um zehn Prozent gewachsen. Ein großer Teil des Rauschgifts landet in Russland.
Russlands Hauptmotiv aber sei Ruhe in seinem Hinterhof, sagen Politiker. In Afghanistan gebe es eine ernste Terrorgefahr, und es grenze an zentralasiatische Partnerländer, sagt der Außenpolitiker und Duma-Abgeordnete Leonid Kalaschnikow. „Deswegen ist eine Zusammenarbeit mit Kabul auf allen Ebenen sehr wichtig.“
Vor allem der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) wird in Moskau als Motivation genannt. Der IS ist in Afghanistan erst 2015 aufgekommen, lässt sich aber trotz massiver Luftangriffe der USA nicht auslöschen. Geheimdienste warnen, IS-Kämpfer könnten auf der Flucht aus Syrien in Afghanistan und Zentralasien eine Basis suchen.
Zwar bleiben die USA der Moskauer Konferenz fern, aber kurz vorher setzen sie mit einem massiven Bombenangriff auf den IS ein Zeichen. Beim Einsatz der riesigen Bombe des Typs GBU-43 - auch bekannt als „Mutter aller Bomben“ - wurden am Donnerstag nach Regierungsangaben in Kabul 36 IS-Kämpfer getötet. Der Afghanistan-Experte Omar Nessar von der Russischen Akademie der Wissenschaften sieht darin eine Demonstration der Stärke gegenüber Russland. Washington wolle Russlands Einfluss eindämmen, meint er.
Kritiker werfen Moskau vor, zweigleisig zu fahren und nicht nur mit der Regierung Kontakte zu pflegen, sondern auch mit deren Erzfeind, den Taliban. Denn diese gelten als erbitterte Gegner des IS. Der russische Afghanistan-Beauftragte Samir Kabulow hatte der Agentur Interfax schon Ende 2015 gesagt, dass sich die Interessen der Taliban da „objektiv mit unseren Interessen“ überschnitten. Das wurde von Afghanistan und den NATO-Staaten im Land mit Besorgnis aufgenommen.
Eigentlich wolle Russland doch nur die Arbeit der NATO unterminieren, schimpfte der Kommandant der US- und NATO-Streitkräfte, General John Nicholson, bei einem Pentagon-Briefing im Dezember. Ende März sprach der Chef des US-Zentralkommandos, General Joseph Votel, in Washington sogar von möglichen russischen Waffenlieferungen an die Taliban. Ein westlicher Diplomat in Afghanistan bestätigt, es gebe „Waffen auf dem Schlachtfeld, die wir vorher nicht gesehen haben“.
Russland selber sagt immer wieder, die Vorwürfe seien haltlos - Ablenkungsmanöver der USA nach ihrem Totalversagen in Afghanistan. Ja, Moskau sei in Kontakt mit den Taliban, aber nur, um die Taliban zu Friedensgesprächen zu bewegen, betont Präsident Wladimir Putin.
Moskauer Militärhilfe für die Taliban wäre verheerend für die afghanische Regierung. Allein 2016 hatten die Taliban mehr als 6.000 Soldaten und Polizisten getötet. In vielen Provinzen kontrollieren sie zusammenhängendes Gebiet. Ihre nächste Frühjahrsoffensive steht kurz bevor. Vermutlich kurz nach Ende der Moskauer Friedenskonferenz.
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