Frankreich-Wahl - Front National:“Teufelsaustreibung“ mit Tücken

Paris (APA/AFP) - Einer Art „Teufelsaustreibung“ hat sich Marine Le Pen verschrieben: Um die erste Präsidentin in der Geschichte Frankreichs...

Paris (APA/AFP) - Einer Art „Teufelsaustreibung“ hat sich Marine Le Pen verschrieben: Um die erste Präsidentin in der Geschichte Frankreichs zu werden, hat sich die 48-Jährige die „Entdämonisierung“ ihrer Front National (FN) zum Ziel gesetzt. Sie hat rechtsextremistische Parolen ausgemistet und die Partei für breitere Schichten wählbar gemacht.

Und das so erfolgreich, dass die FN erstmals als Gewinnerin aus der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 23. April hervorgehen könnte. Historiker und Politologen warnen allerdings, im Kern sei die Partei immer noch die Alte. Der „Teufel“, das ist für viele Franzosen Le Pens Vater Jean-Marie. Der heute 88-jährige FN-Gründer ist immer wieder wegen antisemitischer und rassistischer Ausfälle verurteilt worden - unter anderem für seine Aussage, die NS-Gaskammern seien ein „Detail“ der Geschichte.

Dem Aufstieg seiner jüngsten Tochter Marine an die Parteispitze 2011 folgt ein regelrechter „Vatermord“. Sie bricht nicht nur mit der Rhetorik ihres Vaters und bezeichnet die Konzentrationslager als „Gipfel der Barbarei“. Sie drängt Jean-Marie Le Pen auch in einem öffentlichen Rechtsstreit aus der Partei heraus. Zudem geht die FN in mehreren Fällen wegen rassistischer Äußerungen gegen eigene Kader vor.

Zu diesem weichgespülten Image der FN scheint es kaum zu passen, dass Marine Le Pen nun selbst mit Äußerungen zum Zweiten Weltkrieg für Empörung sorgt. Vor einigen Tagen leugnete sie eine Mitverantwortung Frankreichs für die Massenfestnahme von Juden im Jahr 1942, die „Rafle du Vel d‘Hiv“. Der jüdische Dachverband Crif warf Le Pen daraufhin „Revisionismus“ vor.

Für den Historiker Nicolas Lebourg zeigt der Streit, wie „verheerend schlecht der Wahlkampf Marine Le Pens ist“. In den vergangenen Jahren habe sie ganz neue Wählerschichten erschlossen: „Frauen, Schwule und eben auch Juden“, sagt der Forscher von der Universität Montpellier. Jüdische Wähler habe sie nun wieder vergrätzt.

Lebourg vermutet dahinter einen unbeholfenen Versuch Le Pens, den FN-Stammwählern gerecht zu werden und sich gegenüber Konkurrenten wie dem Zentrumspolitiker Emmanuel Macron und dem Konservativen Francois Fillon als stramme Rechtsaußen zu präsentieren.

„Auch in anderer Hinsicht hat die Entdämonisierung Grenzen“, sagt Lebourg. Für die meisten Lehrer, Wissenschaftler oder Journalisten sei es weiterhin undenkbar, Le Pen zu wählen. „Sie bleibt ein rotes Tuch.“ Ihre größten Erfolge habe die Rechtspopulistin ähnlich wie US-Präsident Donald Trump bei Menschen, die sich sozial abgehängt fühlten.

Auf breite Skepsis stößt auch Le Pens Wirtschaftsprogramm. So lehnen nach Umfragen bis zu drei Viertel der Franzosen den FN-Plan für einen Ausstieg aus dem Euro ab. Die Politologin Nonna Mayer sagt, Ähnliches gelte für Le Pens Schlagwort von der „nationalen Präferenz“ für Franzosen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen und bei Sozialleistungen.

Manchmal steckt der Teufel auch im Detail, etwa bei der Integrationspolitik. So meidet Marine Le Pen zwar juristisch geahndete Äußerungen wie die ihres Vaters, Roma würden „von Natur aus stehlen“. Aber sie nennt die Roma ein „Sicherheitsproblem“ und hetzt gegen die „massive Einwanderung“ nach Frankreich. Die Statistiken sagen zwar etwas anderes, aber viele Franzosen sind mit ihren Ansichten einverstanden.

Die bekannten Nazi-Jäger Beate und Serge Klarsfeld warnen davor, Marine Le Pen auf den Leim zu gehen. Die Front National stehe weiter für eine „gefährliche Ideologie“, schrieb das Paar kürzlich in einer Zeitung. Auch die Politologin Nonna Mayer hält die Entdämonisierung für einen „Mythos“. Sie sagt: „Marine Le Pen ist und bleibt die Tochter von Jean-Marie Le Pen.“