Kleiner Wermutstropfen in der Freude über den Sieg
Ankara (APA/AFP) - Es ist ein Meer aus wogenden Fahnen in rot und weiß vor dem AKP-Hauptquartier in Ankara am späten Sonntagabend. Die Anhän...
Ankara (APA/AFP) - Es ist ein Meer aus wogenden Fahnen in rot und weiß vor dem AKP-Hauptquartier in Ankara am späten Sonntagabend. Die Anhänger der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung strahlen über ihren Sieg bei dem Volksentscheid über die Ausweitung der Macht von Präsident Recep Tayyip Erdogan.
Doch in die Freude mischt sich ein Wermutstropfen angesichts des knappen Ausgangs des heftig umstrittenen Verfassungsreferendums. „Ich hatte mehr erwartet“, gesteht Yadigar Boztepe, die der ultrarechten Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) die Schuld für das knappe Ergebnis gibt. Ihr Vorsitzender Devlet Bahceli hatte sich mit Erdogan verbündet, um die umstrittene Verfassungsänderung durch das Parlament zu bringen. Doch ein Teil der rechtsradikalen Partei verweigerte ihm die Gefolgschaft und machte offen Front gegen die Reform.
Für Mustafa Unsal spiegelt das Ergebnis die Spaltung der Türkei wider. „Es zeigt, dass ein Teil des Landes eine europäische Mentalität hat und das Land nicht stärken will, während die anderen wahre Anatolier sind“, sagt Unsal vor der AKP-Zentrale, auf deren Balkon am späten Abend Ministerpräsident Binali Yildirim seinen jubelnden Anhängern schließlich verkündet, dass ihr Lager mit 51,3 Prozent knapp voran liegt.
Auch am Hauptquartier der Partei in Istanbul haben sich am Abend zahlreiche fahnenschwenkende Erdogan-Anhänger versammelt. „Ehrlich gesagt, hatten wir ein solches Ergebnis nicht erwartet, doch egal. Es ist immer noch ein gutes Ergebnis“, sagt die 25-jährige Derya, die auf 55 bis 60 Prozent für das Ja-Lager gehofft hatte. „Unsere Leute haben gewonnen. So Gott will, werden wir eine bessere Zukunft haben.“
Für Sezer Onen hat die Türkei es dem Westen in dem Referendum gezeigt. „Es war natürlich eine harte Kampagne“, sagt er. „Europa, Amerika, Großbritannien, Frankreich haben sich gegen Tayyip Erdogan, gegen die Türkei zusammengeschlossen. Doch wir haben ihnen eine gute Lektion erteilt“, sagt Onen, nachdem Erdogan die Europäer im Wahlkampf hart angegangen und als Nazis geschmäht hatte.
Während die Erdogan-Anhänger vor der AKP-Zentrale am Goldenen Horn ihr Idol feiern und hupend durch die Straßen fahren, machen andernorts die Gegner ihrer Enttäuschung Luft. In Kadiköy und Besiktas, deren Bars bei der westlich orientierten Jugend beliebt sind, ziehen Hunderte durch die Straßen, schlagen auf Töpfe und schreien ihre Wut heraus, bevor sie der einsetzende Nieselregen vertreibt.
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