Ein langes Leben als Gefahr

Pflanzen in Hochgebirgen zeichnen Beharrlichkeit und eine lange Lebensdauer aus. Eine Studie zeigt nun, dass sie sich daher schlecht an die Klimaerwärmung anpassen können.

Die bunten Alpenwiesen sind in Gefahr: Langlebige Blumen wie die Clusius-Primel (mitte) oder die Alpennelke (unten) stehen vor dem Aussterben, sollte die Klimaerwärmung nicht bald gestoppt werden.

Von Philipp Schwartze

Innsbruck –Wer durch die Berge wandert, kann sich an einer umfangreichen Pflanzenwelt erfreuen. Doch das Bild intakter Almflächen und Vorkommen mit Blumen täuscht. Dass eine steigende Waldgrenze durch die Klimaerwärmung immer mehr Lebensraum der alpinen Pflanzen zerstört, ist zwar bekannt. Doch es sind die Langlebigkeit und Beharrlichkeit der Pflanzen im Hochgebirge, die zur Gefahr werden. „Man sieht den Pflanzen nicht so gut an, wie es ihnen geht. Die meisten werden im Jahr 2090 ältere, nicht gut angepasste Individuen sein“, erklärt der Wiener Ökologe Stefan Dullinger. Deshalb sprechen die Forscher der Universität Wien, Grenoble und Zürich, die die Auswirkungen unterschiedlicher Klimaszenarien auf vier Alpenpflanzen-Arten untersucht haben, auch von der „unsichtbaren Gefahr“.

Was eigentlich als überlebenswichtige Eigenschaft für Blumen wie Alpennelken, österreichische Glockenblumen und Clusius-Primeln oder auch für die Grasart „Harter Schwingel“ dient, wird den Pflanzen laut der neuen Computersimulation bis in das Jahr 2150 zum Verhängnis: „Im Hochgebirge kann das Klima von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich sein, z. B. viele Jahre wettertechnisch unbrauchbar für junge Pflanzen. Deshalb ist es dort besser, langlebig zu sein“, erklärt Dullinger. Sobald es aber einen langfristigen Trend – wie eine anhaltende Temperatursteigerung – gibt, können sich die Pflanzen nur schlecht und zu langsam an diese neuen Umstände anpassen.

Die Ergebnisse der neuen Untersuchungen sind deshalb ernüchternd. Simuliert wurden drei verschiedene Klimawandelszenarien – von einer Ein-Grad-Erwärmung bis zu vier, fünf Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. „Wenn die Temperatur nach dem mittleren bzw. stärkeren Szenario steigt, werden einige Alpenpflanzen in 100 bis 200 Jahren aussterben. Welche und wo, ist schwer zu sagen“, so Dullinger. Betroffen sind davon nicht nur die vier untersuchten Arten, sondern viele weitere.

Sollte die Erwärmung ab 2090 gestoppt werden können, gibt es allerdings positive Nachrichten: Dann würden sich laut dem Ökologen die Arten erholen, dann sterbe keine weg. „Die Simulation ist allerdings eine vereinfachte Abbildung. Wir haben nur geschaut, was machen diese Pflanzen, und nicht, was machen die Konkurrenten, was machen die Bestäuber, was macht der Wald. Man kann einen Trend festhalten, aber keine Details voraussagen.“

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Doch auch ohne diese Details war die wochenlange Rechenleistung und Simulation durch einen leistungsstarken Computer wichtig – und wird es bleiben. „Wir wollen versuchen, mehr über die genetische Anpassung der Pflanzen an die Klimaerwärmung zu verstehen. Auch könnten andere Prozesse diesen Auswirkungen bereits vorgreifen.“

Die Klimaerwärmung stoppen und die Almwirtschaft aufrechterhalten sind für Dullinger die einzigen Möglichkeiten, die zur Rettung der gewohnten Alpenflora bleiben. „Und keine weiteren Lifte bauen. Denn wenn der Klimawandel den Lebensraum zerstört, sollte nicht auch noch der Mensch den Pflanzen die Flächen wegnehmen.“ Eine kleinere Population einer Art sei schließlich immer mit einem höheren Risiko auszusterben verbunden, da die genetische Vielfalt fehlt. Nur weil eine Pflanze (noch) vorhanden ist, bedeutet das also nicht, dass es ihrer Art auch tatsächlich gut geht.


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