Den Lp(a)-Wert aus der Versenkung holen

Lp(a) verstopft wie Cholesterin die Gefäße und verursacht Herzinfarkte. Jeder Vierte hat hohe Konzentrationen im Blut. Nur: Fast keiner weiß es.

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© Rudy De Moor / TT

Von Theresa Mair

Innsbruck –39 Jahre jung, männlich, sportlich aktiv, Nichtraucher, tot. Es war ein Herzinfarkt und keiner kann sich erklären, wie es dazu kommen konnte.

Der Innsbrucker Genetiker Florian Kronenberg trifft häufig Angehörige, die verzweifelt nach dem Grund für den unerwarteten Tod ihres geliebten Menschen suchen. Oft geben sie sich selbst die Schuld daran. Sie denken, dass es vielleicht doch das eine oder andere Schnitzel zu viel war oder der Mann zu viel Stress hatte.

In Wahrheit heißt der Täter oft Lipoprotein(a) oder kurz: Lp(a). Genauso wie Cholesterin verstopft es die Gefäße, verursacht Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzklappenverengung. „Lp(a) wird zwar bei der Obduktion nicht getestet, man sieht aber die Atherosklerose. Wenn man die Blutsverwandten testet, findet man dann oft erhöhtes Lp(a). Es wird strikt vererbt und ist durch Ernährung oder Sport kaum veränderbar“, so Kronenberg, der die Sektion für Genetische Epidemiologie an der Medizin-Uni leitet.

Jeder Vierte in der Bevölkerung hat ihm zufolge eine zu hohe Lp(a)-Konzentration im Blut. „15 Prozent der Bevölkerung haben 30 bis 60 Milligramm Lp(a) pro Deziliter Blut und damit ein um 50 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko. Zehn Prozent haben mit über 60 mg/dl sogar ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko.“

Das Problem ist: Während Cholesterin bei der Blutuntersuchung standardmäßig analysiertwird, wird kaum einmal der Lp(a)-Spiegel gemessen. Zu wenige kennen dieses Blutfett, obwohl es bereits vor 50 Jahren entdeckt worden ist.

„Es ist an der Zeit, Lp(a) aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Nicht einmal alle Hausärzte sind darüber informiert“, bedauert Kronenberg. Ein Grund dafür mag sein, dass es derzeit noch keine ausreichend wirksamen Medikamente gegen zu hohes Lp(a) gibt.

Inzwischen zeichnen sich am Horizont jedoch erste Therapiemöglichkeiten ab. „Es sind Medikamente in Entwicklung, die in ersten Tests gut verträglich waren und Lp(a) um 80 bis 90 Prozent senken. Der nächste Schritt sind große Studien, mit denen gezeigt werden soll, dass nicht nur Lp(a), sondern auch die Herzinfarkt-Rate gesenkt wird.“ Der Experte schätzt, dass sich diese Studien noch acht bis zehn Jahre hinziehen werden.

Bis dahin muss man aber nicht die Hände in den Schoß legen und das Schicksal walten lassen. „Ein Herzinfarkt ist eine komplexe Erkrankung. Man kann sich das wie ein Orchester vorstellen: Je mehr Mitglieder falsch spielen, desto schlimmer wird es“, erklärt Kronenberg. Wo­rauf er hinauswill: Die Risikofaktoren multiplizieren sich. Im Körper-Orchester spielen Lebenssti­l (Rauchen, ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung) und Hunderte Gene, die man noch gar nicht alle kennt, die Musik.

Während auf der erblichen Seite die Musiker nicht so einfach ausgetauscht werden können, ist es möglich, an der Lebensweise zu schrauben. Wenn man gesund lebt, hört sich die Musik gleich besser an, das Herzinfarkt-Gesamtrisiko sinkt. „Wenn man seinen Lp(a)-Wert kennt und dieser hoch ist, kann dies motivieren, die anderen Risikofaktoren eher in den Griff zu bekommen.“

Das Herzinfarktrisiko wird bei hohem Lp(a) und z. B. einer gleichzeitigen Blutzuckerkrankheit zusätzlich deutlich höher – es sei denn, man bringt den Zucker unter Kontrolle. Andererseits müssen auch begleitende Ärzte den Lp(a)-Wert des Patienten im Hinterkopf behalten und bei ersten Herz-Kreislauf-Symptomen – z. B. Brustschmerzen bei körperlicher Belastung – hellhörig werden. „Es geht nicht darum, Panik zu verbreiten, sondern unangenehme Überraschungen zu vermeiden und frühzeitig etwas zu tun, bevor es zur Katastrophe kommt“, betont er.

Im Extremfall – vor allem bei hohem Cholesterin und hohem Lp(a) plus voranschreitender Herzerkrankung – kann man eine Art Blutwäsche vornehmen. Dabei werden beide Risikofaktoren regelmäßig aus dem Blut entfernt. Eine andere Möglichkeit ist die Medikation mit so genannten PCSK9-Inhibitoren. Beide Therapien sind aber nur in spezialisierten Zentren möglich.

Unterdessen steht in Innsbruck die Lp(a)-Forschung nicht still. Das Team an der Genetischen Epidemiologie, mit Stefan Coassin, Claudia Lamina und Salome Mack an Kronenbergs Seite, gehört dabei nach eigenen Angaben zu den führenden Teams weltweit. Unlängst machte es mit der Entdeckung einer schützenden Mutation im Lp(a)-Gen von sich reden. „Die Träger der Mutation weisen zwar so genannte ‚kleine Lp(a)-Isoformen‘ auf, aufgrund derer man hohe Konzentrationen und damit ein hohes Herzinfarktrisiko erwarten würde. Die Mutation führt jedoch zu niedrigen Lp(a)-Konzentrationen.“

Damit verringere sich das Herzinfarktrisiko. Die Träger sind also genetisch etwas geschützt – zumindest was das Lp(a) betrifft.“ Ziel der Forscher weltweit ist es, alle Gene zu identifizieren, die im Körper-Orchester bei der Entstehung eines Herzinfarkts mitspielen.


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