Ägypten - Ausnahmezustand als „business as usual“

Kairo (APA) - Der seit den Anschlägen auf koptische Kirchen verhängte Ausnahmezustand in Ägypten bringt es mit sich, dass auf den Straßen, r...

Kairo (APA) - Der seit den Anschlägen auf koptische Kirchen verhängte Ausnahmezustand in Ägypten bringt es mit sich, dass auf den Straßen, rund um Botschaften und bei wichtigen Infrastrukturprojekten mehr Polizei und Militär zu sehen sind - manchmal diskret, manchmal offen „show of force“ demonstrierend. Ägypter nehmen es mit Gelassenheit, auf ausländische Besucher wirkt der Aufwand bisweilen bedrohlich.

Zu Ostern wurden in Ägypten bei Attentaten auf koptische Christen in Kirchen in Alexandria und Tanta Dutzende Menschen getötet und verletzt. Das brachte verstärkte Präsenz von Polizei und Militär mit sich - vor koptischen Kirchen und auf zentralen Orten wie dem Tahrir-Platz und der Al-Hussein-Moschee in der Altstadt Kairos ist die Polizei auch und vor allem nachts präsent. „Vor allem mit Polizisten, die man nicht sofort erkennt, weil sie in zivil unterwegs sind“, wie ein Touristenführer auf Befragen sagt.

Augenmerk wird von den Sicherheitskräften auch auf den Überlandverkehr gelegt: An den Mautstationen der teils achtspurigen Autobahn von Kairo nach Assiut im mittleren Niltal sorgen zumindest ein Dutzend Polizisten in neu anlegten Wachhäusern und Unterkünften für Sicherheit - inklusive „Fahd“-Radpanzer mit 20 Millimeter-Kanone - eine Gemeinschaftsentwicklung Deutschlands und Ägyptens, die an den deutschen Transportpanzer Fuchs“ oder den französischen VAB erinnert. Sogar alte sowjetische Aufklärungspanzer vom Typ BRDM-2 werden gelegentlich noch zu Sicherungszwecken an neuralgischen Punkten wie Straßen- oder Autobahnkreuzungen eingesetzt. Manche der Checkpoints werden nur temporär besetzt, andere überraschend mitten auf der Strecke eingerichtet - mit Sturmgewehren bewaffnete Polizisten kontrollieren dann einige Zeit lang Berufs- und Individualverkehr.

In Kairo ist die Bedrohungslage etwa für Botschaften von den ägyptischen Sicherheitskräften unterschiedlich eingeschätzt. Für die Vertretung Österreichs in einer Etage der El Nile Street im fünften Stock des Riyadth-Towers sind offenbar keine spezielleren, zumindest sichtbare Sicherheitsvorkehrungen notwendig. Anders wird dies für z. B. für die in der selben Straße am Nilufer gelegene französische Gesandtschaft gesehen. Hier sind mindestens fünf mit Sturmgewehren und Tränengas-Gewehren bewaffnete Polizisten hinter Deckungen im Dienst, dazu ein in einer Seitenstraße diskret unter den Ästen eines Baumes positionierter „Fahd“-Radpanzer. Ähnliches gilt für die in der Nachbarschaft befindlichen saudische und russische Botschaft.

Spricht man mit internationalen Technikern, die auf diversen Großbaustellen im Land Projekte abwickeln, so erzählen die meisten, dass sie sich durchwegs sicher fühlen und in Ruhe arbeiten könnten. Dass Baustellen mit NATO-Stachelbandrollen und Mauern und Stahlkrallen, die Reifen unerwünschter Eindringlinge zum Platzen bringen, abgesichert sind, sei in vielen Ländern der Welt normal. Die großräumige Sicherung von Baustellen und wichtigen Infrastrukturprojekten übernimmt das Militär. Intern sorgen Sicherheitsdienste der Firmen für einen geregelten Ablauf.

In dem autoritär regierten Land am Nil verstärkte herrscht bei Teilen der Bevölkerung Sorge über eine weitere Beschneidung der Menschenrechte durch den für vorerst drei Monate verhängten Ausnahmezustand. Die Regierung unter Ministerpräsident Sherif Ismail steht hingegen zu ihren Maßnahmen. Präsident Mohammed al-Sisi hat laut ägyptischen Medienberichten auch die Gründung einer neuen Antiterror-Einheit oder Behörde angekündigt - zusätzlich zu den schon existierenden.

In den englisch- und französischsprachigen Kairoer Tageszeitungen „The Egyptian Gazette“ und „Le Progres Egyptien“ werden die wieder zunehmenden Touristenzahlen nicht als Erfolg der Sicherheitskräfte, sondern der weltweiten Anstrengungen des Tourismusministeriums und der Fremdenverkehrsbehörde gesehen. Die Zahl von Besuchern im Nilland sei in den ersten vier Monaten 2017 um 51 Prozent gestiegen. Absolute Zahlen wurden nur zu den deutschen Urlaubsgästen genannt. Deren Zahl hätte bei den Ankünften von Jänner bis April 2017 rund 350.000 betragen, wie die Middle East News Agency am Dienstag mitteilte.