Frankfurter Theater-Misere - ein Neubau wird wahrscheinlicher

Frankfurt am Main (APA/dpa) - So mancher Denkmalschützer und Architekt kommt bei den Städtischen Bühnen in der Frankfurter Innenstadt ins Sc...

Frankfurt am Main (APA/dpa) - So mancher Denkmalschützer und Architekt kommt bei den Städtischen Bühnen in der Frankfurter Innenstadt ins Schwärmen. Hinter der mehr als 100 Meter langen Glasfassade, die Schauspiel und Oper vereint, haben Besucher eine prächtige Aussicht. Und abends wirkt der aus dem Jahr 1963 stammende Komplex mit seinem gewaltigen Foyer von außen wie ein „Leuchtkasten“, so Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD).

Was auf den ersten Blick beispielhaft transparent wirkt, ist im Kern zutiefst marode: Das markante Gehäuse entspricht schon lange nicht mehr dem heutigen Stand der Klimatechnik. Außerdem muss die Heizung in der Doppelanlage, die zu den größten in Europa gehört, erneuert werden. Die Auflagen für den Brandschutz sind ebenfalls gestiegen. Im Gebäude sind auch noch Wasserrohre defekt, es hat sogar ins Theater reingeregnet.

Seit fast zwei Jahren arbeitet nun ein Konsortium von Fachleuten an einer Studie, die den Sanierungsbedarf ermitteln soll. Zuerst war noch von knapp 300 Millionen Euro die Rede, was schon als hoch galt. Vor kurzem hat Frankfurts Schauspiel-Chef Oliver Reese, den es nach acht Jahren im Sommer nach Berlin zieht, sogar die Zahl von mindestens 500 Millionen Euro genannt.

Dies hat in den vergangenen Tagen die Debatte um die Zukunft der Städtischen Bühnen erneut angeheizt. War lange bei den Verantwortlichen eher eine Präferenz für die Sanierung zu erkennen, verschieben sich die Gewichte. „Ein Neubau würde die Chance eröffnen, dieses kulturelle Herzstück der Stadt neu zu definieren“, sagte Hartwig der „Frankfurter Rundschau“ vor wenigen Tagen.

Dass die bisher in der Debatte eher zurückhaltende Kulturdezernentin plötzlich ein Fan der Abrissbirne geworden ist, begründet sie mit den unübersehbaren Kosten der Sanierung und einer „Dauerbaustelle“, mit der Stadt und Besucher geschätzte elf Jahre lang leben müssten. Ein Neubau würde nur sechs Jahre dauern, erklärt sie.

Doch bis dahin wird es noch dauern. Noch immer liegt die Machbarkeitsstudie zu den Bühnen gar nicht vor, die die Stadt der Öffentlichkeit schon Anfang des Jahres versprochen hatte. Jetzt soll das 600 Seiten umfassende Werk „noch vor der Sommerpause“ vorgestellt werden, wie es im Kulturdezernat heißt.

Sicher ist, dass in der Studie drei Möglichkeiten durchgespielt werden: Zwei davon sind die Sanierung der bestehenden Anlage oder die Sanierung mit einer angrenzenden Hochhaus-Erweiterung, die zusätzlichen Raum für die Bühnen schaffen soll. Schließlich geht es um einen Neubau. Zahlen zu den Kosten der drei Varianten kann oder will die Kulturdezernentin nicht nennen. Auch sie kenne die Studie im Detail noch nicht, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Als Option für einen möglichen Neubau hat das Gutachten lediglich den derzeitigen Standort am Willy-Brandt-Platz untersucht, gegenüber dem früheren Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB). Auch Hartwig hat sich darauf bereits festgelegt: Dort schlage schließlich Frankfurts kulturelles Herz, sagt sie.

Im vergangenen Sommer hatten Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und sein Stellvertreter Uwe Becker (CDU) das alte Polizeipräsidium zwischen Bahnhof und Messe als Standort ins Spiel gebracht. Dies scheint derzeit nicht mehr aktuell. Auch die Römer-Koalition aus CDU, SPD und Grünen hat sich für den Verbleib am Willy-Brandt-Platz ausgesprochen.

Im Falle des Neubaus dürfte die Standort-Frage noch lange nicht entschieden sein. Denn bei einem Neubau an anderer Stelle könnten Schauspiel und Oper, die über Europas größte Drehbühne verfügt, wie gewohnt weiter in ihren Häusern spielen.

Als Ersatzspielstätte für das Schauspiel kommt das bereits jetzt für Aufführungen genutzte Bockenheimer Depot in Betracht. Weit schwieriger dürfte es für die Oper werden, die in den vergangenen Jahren von Kritikern mehrfach als beste Musikbühne im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet wurde.

Wie Sanierungen und Neubauten den Theaterbetrieb lahmlegen können, das erleben derzeit viele deutsche Metropolen. Ob Berlin, München oder Köln: Kostenexplosionen, Fehlplanungen und jahrelanges Ausweichen auf Ersatzspielstätten zehren an den Nerven von Ensembles und Besuchern.

Jetzt sei die Zeit für „Visionen“, hat Reese in einem „FR“-Interview verlangt. Inzwischen macht sich der scheidende Schauspielintendant für einen Neubau stark. Sein aus Bochum kommender Nachfolger Anselm Weber hält sich noch eher zurück. Er weiß offensichtlich, dass kommunale Entscheidungsprozesse oft lange dauern. Weber geht davon aus, das Haus in seiner jetzigen Form noch einige Jahre bespielen zu können.