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Sind Lupinen das neue Soja?

Lupinensamen enthalten hochwertiges Eiweiß, das als Ersatz für importiertes Soja im Viehfutter und in der menschlichen Ernährung eingesetzt wird.
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Süßlupinen sind heimische Eiweißbomben und eine Alternative zu Soja. Ob sie die Lösung für die Folgen des ausufernden Soja-Anbaus sind, bezweifeln Experten.

Von Nicole Strozzi

Innsbruck –„Gemma auf an Lupinenkaffee?“ Dieser Einladung wird hierzulande vermutlich kaum einer folgen. Denn noch sind Lebensmittel, die aus Süßlupinensamen gewonnen werden, Nischenprodukte. Vereinzelt findet man Kaffee-ähnliche Getränke, Kuhmilch- und Tofu-Ersatzprodukte aus der eiweißreichen Hülsenfrucht im Reformhaus. Seit Neuestem bietet auch eine große Supermarktkette Joghurt und Pudding auf Süßlupinenbasis an.

Wieder ein neuer Trend, werden sich viele denken. Doch Lupinen sind schon seit Langem in unseren Breiten zuhause, kamen aber bisher kaum zum Einsatz. Dabei hätte die Pflanze durchaus Potenzial. Sie gilt als Proteinbombe, ist glutenfrei, regional aus ökologischem Anbau und frei von Gentechnik erhältlich. Noch dazu ist sie für Vegetarier eine Alternative zu Soja. Das klingt natürlich lupenrein und man fragt sich: Könnte die heimische Süßlupine, die quasi vor der Haustür angebaut werden kann, die Lösung für die Soja-Problematik sein? Könnte sie die Abholzung riesiger Regenwaldfelder und lange Transportwege und damit den CO2-Ausstoß verringern?

Lupinen sind wunderschöne Pflanzen, die auch für die Landwirtschaft wichtig sind. Sie reichern den Boden mit Stickstoff an.
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„Nun ja“, antwortet Bernhard Wohner, Nachhaltigkeitsexperte von Global 2000. „Die Soja-Problematik ist eigentlich eine Fleischproblematik. Denn der Grund, warum wir so viel Soja produzieren, ist, dass wir so viel Fleisch produzieren.“ Die Soja-Produkte, die hierzulande von Konsumenten gegessen werden, stammen auch aus Österreich, sind zum großen Teil Bio und schließen Gentechnik ebenfalls aus. Österreich sei immerhin das viertgrößte Soja-Anbauland Europas. Die riesigen Soja-Anbauflächen, z. B. in Brasilien, werden fast ausschließlich für die Nutztierfütterung gerodet. „Würden wir weniger Fleisch produzieren und essen, könnten wir die Soja-Importe – das sind allein nach Österreich unglaubliche 500 bis 550 Tonnen pro Jahr – reduzieren“, sagt Wohner. Nichtsdestotrotz sei die Lupine eine großartige Pflanze, die für die Landwirtschaft eine wichtige Bedeutung hat, weil sie Stickstoff aus der Atmosphäre in den Boden bringt und diesen anreichert. Lupinen könnten also durchaus eine Konkurrenz für Soja sein. Allerdings benötigen Süßlupinen die gleich große Anbaufläche wie Soja. „Wenn der Futtermittelbedarf weiter so hoch ist, löst ein Wechsel auf Lupinen nicht das Problem,“ betont Wohner.

Auch aus gesundheitlicher Sicht ist gegen den Konsum von Süßlupinen-Produkten nichts einzuwenden, weiß Gunda Millonig, Internistin und Belegärztin am Sanatorium Kettenbrücke. Ganz im Gegenteil: „Möglichst wenig tierische Produkte zu konsumieren, ist prinzipiell eine gute Sache“, sagt die Ärztin. Eine ballaststoffreiche Ernährung, reich an pflanzlichen Produkten, sei daher sehr günstig.

Genau wie Soja sind Lupinen eine vollwertige Eiweißquelle. Im Unterschied zur Sojabohne enthält die Lupine weniger Fett und Kohlenhydrate und außerdem 50-mal weniger Phytoöstrogene. „Wobei sich Soja-Fans vor zu viel Östrogen nicht fürchten müssen. In Asien ist der Soja-Konsum etwa fünfmal so hoch“, betont die Ärztin. Ein Manko: Beiden Pflanzen fehlt das wichtige Vitamin B12. Und beide Pflanzen können eine Nahrungsmittelallergie hervorrufen und müssen daher auf dem Etikett oder auf der Speisekarte ausgewiesen werden. „Allerdings kommt eine Allergie nicht sehr häufig vor“, beruhigt Millonig.

Vom Kaffee bis zum Joghurt. Süßlupinenprodukte gibt es mittlerweile im Reformhaus und vereinzelt auch im Supermarkt.
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Wer Lust auf ein Lupinen- oder Soja-Schnitzel hat, sollte nicht zu hoch verarbeiteten Produkten greifen. „Pseudo-Veggie-Würstl haben einige Chemieprozesse hinter sich und sind sehr salzreich“, weiß Millonig. Bei Milchersatzprodukten rentiert es sich, auf den Fett- und Zuckergehalt zu schauen. Denn Diätprodukte sind solche Drinks oder Puddings keine. Es ist wie bei so vielen Dingen im Leben: Die gesunde Mischung macht’s.

Uralte Pflanze – neu entdeckt

Lupinen sind Pflanzen in verschiedenen Farbvarianten, gehören zu der Familie der Hülsenfrüchte und bilden Samen, die ähnlich wie Erbsen in einer Hülse liegen. Genau wie bei der Sojabohne sind die Samen reich an pflanzlichem Eiweiß. Der Geschmack ist nussig.

Gartenlupinen enthalten Lupinin, einen giftigen Bitterstoff. Seit einem Jahrhundert sind Lupinen aber genießbar. Die Bitterstoffe wurden fast ganz weggezüchtet. Man spricht heute von Süßlupinen. Diese Zuchtsorten sind ungiftig und nicht bitter, können allerdings Allergien hervorrufen.

Süßlupinensamen werden u. a. zu Lopino, einem Tofu-ähnlichen Produkt, Lupinenmehl oder Lupinenmilchersatzgetränken weiterverarbeitet. Außerdem kann aus den gerösteten Früchten ein Kaffee-ähnliches Getränk gewonnen werden.