Blick von Außen

„Hauptziel ist die Zerstörung Israels“

Auf dem Ölberg in Jerusalem: israelische Fallschirmjäger unter Commander Mordechai („Motta“) Gur unmittelbar vor dem Angriff auf die Altstadt, wo sie auf heftigen Widerstand jordanischer Soldaten stoßen.
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Der Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten veränderte vor 50 Jahren die geopolitische Situation im Nahen Osten.

Von Rolf Steininger

Der Krieg begann am frühen Morgen des 5. Juni 1967, als 183 israelische Kampfflugzeuge Ägypten angriffen. Der Zeitpunkt war in der Erwartung gewählt worden, dass sich die ägyptischen Piloten und Kommandeure beim Frühstück befinden würden.

Die Rechnung ging auf, die Überraschung gelang: Innerhalb von 70 Minuten wurden 197 ägyptische Flugzeuge und 16 Radarstationen vernichtet. In einer zweiten Angriffswelle wurden weitere 107 ägyptische Flugzeuge und 14 Luftstützpunkte zerstört. Ägypten hatte keine Luftwaffe mehr. Der dritte Nahostkrieg – nach 1948/49 und 1956 – war nicht einmal drei Stunden alt, als der Sieger bereits feststand: Israel.

Ägyptens Vorstoß

Begonnen hatte alles schon Monate vorher, als Fortsetzung der beiden vorangegangenen Kriege. Das Ziel der arabischen Nachbarn Israels war gleich geblieben: die Vernichtung des jüdischen Staates. Seit dem Suezkrieg 1956 hatte es – so wie schon in den Jahren zuvor – immer wieder Zwischenfälle an den Grenzen gegeben. Zur bis dahin schwersten Auseinandersetzung war es am 7. April 1967 gekommen, als israelische Mirage-Flugzeuge sechs syrische MIGs über Damaskus abschossen.

Am 13. Mai warnte der Kreml die Regierungen in Kairo und Damaskus vor einem israelischen Angriff auf Syrien. Bis heute ist unklar, was die Sowjets mit dieser nachweislich falschen Information beabsichtigten. Von nun an stand jedenfalls das Prestige des Führers der arabischen Welt – Ägyptens Präsident Nasser – auf dem Spiel. Am 16. Mai forderte er UNO-Generalsekretär U Thant auf, die seit 1957 auf der Sinai-Halbinsel und im Gaza-Streifen stationierten UNO-Truppen abzuziehen. Als U Thant bereitwillig auf diese Forderung einging und den Befehl zum Abzug gab, ging Nasser noch einen Schritt weiter und verkündete öffentlich am 22. Mai die Blockade der Meerenge von Tiran für alle Schiffe mit dem Ziel Eilat und als „Hauptziel die Zerstörung Israels“.

Für Israel kam das einer Kriegserklärung gleich. Am 4. Juni beschloss die Regierung zu handeln. Am Morgen des 5. Juni griff die Luftwaffe an, gleichzeitig stieß die Armee in Richtung Suezkanal vor. Wir wissen erst seit Kurzem, welch dramatische Szenen sich damals im Kreml abspielten. Am 6. Juni erklärte der ägyptische Verteidigungsminister Amer im Auftrag Nassers dem sowjetischen Botschafter, die Lage sei so ernst, dass es „notwendig ist, die Feuereinstellung bis 5.00 Uhr früh zu erreichen“. Der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew erklärte später in einer Geheimrede vor dem Zentralkomitee der KPdSU, dass damit der „kritischste Augenblick für die VAR [Vereinigte Arabische Republik = Ägypten] im Verlauf der Kampfhandlungen“ erreicht war.

Kampf um Jerusalem

Ähnlich katastrophal war auch die Lage der jordanischen Armee, obwohl die Kämpfe in Jordanien und besonders um Jerusalem die verlustreichsten der israelischen Armee waren. Am 6. Juni teilte König Hussein dem sowjetischen Botschafter mit: „Das ist der schwerste Tag in meinem Leben. Nur die unverzügliche Feuereinstellung kann Jordanien retten.“

In Ost-Jerusalem wurde zu dem Zeitpunkt um jede Straße und jedes Haus gekämpft. Am 7. Juni erreichten israelische Truppen, an ihrer Spitze Moshe Dajan, die Klagemauer, wo der Verteidigungsminister erklärte: „Wir haben das geteilte Jerusalem, die gespaltene Hauptstadt Israels, von Neuem vereint; wir sind zu unseren heiligen Stätten zurückgekehrt, um uns nie wieder von ihnen zu trennen.“

Am 9. Juni zog Israel seine Streitkräfte im Norden zusammen und eroberte den Golan. Am Abend kündigte Nasser seinen Rücktritt an, was die Sowjetunion unter keinen Umständen zulassen wollte. Moskau, damals der Hauptverbündete der Araber, sicherte Nasser politische und moralische Unterstützung zu und betonte: „Die arabische Welt und alle fortschrittlichen Kräfte in der Welt werden Ihren Rücktritt von der Führung des Landes in diesem verantwortungsvollen Augenblick nicht verstehen und nicht billigen.“

Nasser blieb im Amt. In Moskau atmete man auf. Breschnew sagte später vor dem ZK: „Unser Handeln in der für die VAR kritischen Situation war darauf gerichtet, den Aggressor aufzuhalten, solange die arabischen Staaten noch einen bedeutenden Teil ihrer Streitkräfte bewahrt hatten, die Eroberung von Kairo und Damaskus durch die israelischen Truppen nicht zuzulassen und vor allem den Sturz des fortschrittlichen Regimes in der VAR zu verhindern, was – davon sind wir überzeugt – eine Kettenreaktion auch in anderen arabischen Staaten zur Folge gehabt hätte.“

Die Sieger in der Altstadt von Jerusalem (v. l.): Der Oberbefehlshaber des Mittelabschnitts, Generalmajor Uzi Narkiss, Verteidigungsminister Moshe Dajan und Generalstabschef Yitzhak Rabin, der dem Krieg auch seinen Namen gibt: Sechstagekrieg.
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Inzwischen setzte die israelische Armee ihren Siegeszug im Norden fort. Die syrischen Absperrungen wurden durchbrochen. Gegen Mittag des 10. Juni fiel Kuneitra, der Hauptstützpunkt der Syrer auf dem Golan. Der Weg nach Damaskus war frei. In dieser dramatischen Situation bat die Regierung Syriens die Sowjetunion geradezu verzweifelt, „beliebige Schritte zu unternehmen, und zwar in den nächsten zwei bis drei Stunden, da es sonst zu spät sein würde“. Breschnew vor dem ZK: „Das war der zweite kritische Punkt in der Nahostkrise.“

Konflikt der Großmächte

Moskau aktivierte erstmals den nach der Kubakrise 1962 eingerichteten „heißen Draht“ (eine Fernschreibverbindung) zwischen Moskau und Washington) und übermittelte US-Präsident Lyndon B. Johnson folgende dramatische Botschaft: Sollte Israel die Kriegshandlungen nicht in den allernächsten Stunden beenden, sähe sich die Sowjetunion „zu selbstständigen Handlungen“ gezwungen. Das war die klare Drohung, dass der Kreml auf Seiten der geschlagenen arabischen Staaten eingreifen würde – auch auf das Risiko eines militärischen Konflikts mit den USA hin, denn, so hieß es weiter in der Botschaft, „diese Handlungen können einen Zusammenstoß zwischen uns bewirken und zu einer großen Katastrophe führen. […] Wir schlagen vor, Israel zu warnen, dass im Falle der Nichterfüllung dieser Forderung die notwendigen Aktionen, einschließlich militärischer Aktionen, eingeleitet werden.“

Gleichzeitig wurde dem im Mittelmeer befindlichen Verband sowjetischer Kriegsschiffe der Befehl erteilt, Kurs auf die Küste Syriens zu nehmen. Der Krieg drohte zu eskalieren und außer Kontrolle zu geraten.

In Washington erkannte man den Ernst der Situation; im Weißen Haus herrschte höchste Anspannung. Für Verteidigungsminister Robert McNamara war der Inhalt der sowjetischen Botschaft unmissverständlich. Überliefert ist folgender Satz von ihm: „Herr Präsident, wenn Sie Krieg wollen, können Sie ihn haben.“ Johnson wollte keinen Krieg; er hatte bereits einen – den in Vietnam.

Rolf Steininger, Der Nahostkonflikt, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 2005/2012 128 Seiten, 9,30 €.

Washington handelte: In Kuneitra stoppten die Israelis ihren Vormarsch und stimmten am 10. Juni der Forderung der Vereinten Nationen nach einer Feuereinstellung zu.

Der Krieg endete mit der totalen Niederlage der Araber. Israel hatte die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, die Westbank, Ostjerusalem und die Golanhöhen erobert, ein Gebiet dreimal so groß wie sein eigenes Territorium. Im Westen und in Israel sprachen viele von einer „zweiten Geburt“ Israels, das von nun an auch Besatzungsmacht war – mit all den damit verbundenen Problemen.

Kurt Waldheim, damals Österreichs Vertreter bei den Vereinten Nationen und später zehn Jahre Generalsekretär der UNO, machte sich damals Gedanken über den israelischen Sieg. Am Schluss seiner Analyse meinte er: „Israel hat sich durch seinen Sieg über die arabischen Staaten militärische Sicherheit auf lange Sicht geschaffen. Von einer politischen Lösung seiner Existenzfrage dürfte es jedoch weiter entfernt sein denn je.“ Das war, rückblickend betrachtet, keine schlechte Voraussage.