Nepal nach Erdbeben - Politische Instabilität behindert Wiederaufbau
Wien (APA) - Mehr als zwei Jahre sind seit dem verheerenden Erdbeben in Nepal vergangen. Und noch immer leben rund 85 Prozent der Betroffene...
Wien (APA) - Mehr als zwei Jahre sind seit dem verheerenden Erdbeben in Nepal vergangen. Und noch immer leben rund 85 Prozent der Betroffenen in temporären Unterkünften. Hauptverantwortlich dafür: das politische System und die überbordende Bürokratie, erzählt Ratna Karki von der nepalesischen NGO „Rural Reconstruction Nepal“ (RRN) im Gespräch mit der APA.
Knapp 9.000 Tote, mehr als 22.000 Verletzte und eine halbe Million zerstörte Häuser, das war die traurige Bilanz der beiden Erdbeben, die am 25. April und am 12. Mai 2015 das Leben unzähliger Nepalis veränderten. Und das in einem Land, das schon davor als eines der ärmsten Länder Asiens galt, in dem die politische Situation ohnehin instabil war, in dem bis 2006 ein Bürgerkrieg herrschte.
Nur 15 Prozent der rund 500.000 zerstörten Häuser wurden bisher wieder aufgebaut, der Rest der Menschen, die damals ihr Hab und Gut verloren, lebt noch immer in Übergangsunterkünften. Das liegt zum einen daran, dass in den am stärksten betroffenen Gebieten oft entsprechend gut ausgebildetes Personal für den Wiederaufbau fehlt. Geschulte Arbeiter in die oft entlegenen Regionen zu bringen, kostet Geld, das die Regierung in Kathmandu entweder nicht hat, oder dafür schlicht nicht ausgeben will.
Zum anderen verlangsamte die Überregulierung die Verteilung von Geldern bzw. machte diese äußerst ineffektiv, erklärt Karki. „Die Richtlinien waren schlichtweg nicht adäquat“, kritisiert er. Eigentlich verfügbare und dringend benötigte Mittel erreichten und erreichen die Betroffenen nur schleppend oder gar nicht.
Hinzu kommt ein anderes Problem, das nach Karkis Ansicht nach eine wichtige Rolle in der Zukunft Nepals spielen wird: Angst. Die Angst, dass ein solch starkes Erdbeben wieder passiert, denn eigentlich ist dies fast unvermeidbar - die Himalaya-Region ist geologisch äußerst aktiv. Viele jener Nepalesen, die in besonders schwer erreichbaren Bergregionen lebten, wollen deshalb eine Rückkehr nicht riskieren und in weniger gefährdeten Gebieten bleiben. Damit droht nicht nur der Verlust von kulturellem Erbe und wertvoller Landwirtschaft, sondern auch die Überbevölkerung gewisser Regionen. „Das bringt vermutlich höhere Arbeitslosigkeit, politische und soziale Instabilität mit sich“, prophezeit Karki, der seit 20 Jahren für die Hilfsorganisation RRN arbeitet.
Die Regierung müsse sich deshalb speziell für diese Regionen und ihren Wiederaufbau einsetzen. Bisher sei das definitiv nicht geschehen, betont Karki. Ob er einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mit dem Titel „Das Scheitern der nepalesischen Regierung, die Marginalisierten während des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben zu schützen“ Recht gibt? Ja, sagt Karki, der auf Einladung der Dreikönigsaktion (DKA) in Wien ist. „Es ist schrecklich, dass die nepalesische Bevölkerung darunter leiden muss, dass jede Regierung, jede Partei, nur den eigenen Machterhalt im Auge hat. Die Priorität sollte das Wohlergehen der Menschen des Landes sein.“
Seit dem Erdbeben regierten in Nepal vier verschiedene Premierminister. Der aktuelle, Sher Bahadur Deuba, ist erst seit wenigen Tagen im Amt. Seit Ende des Bürgerkrieges 2006 wird das Himalayaland mit seinen 27 Millionen Einwohnern von oft sehr kleinteiligen Koalitionsregierungen geführt, was zu häufigen Personalwechseln auf allen Ebenen führt. Eine Tatsache, die den Wiederaufbau jedenfalls nicht effizienter macht.
„Egal, wofür man kämpft, wofür man steht... Zumindest sollte es eine gemeinsame Agenda, einen Plan für den Wiederaufbau geben“, mahnt Karki. Seiner Ansicht nach wird es noch mindestens bis 2020 dauern, um Nepal komplett wiederaufzubauen und die Übergangs- durch dauerhafte Unterkünfte zu ersetzen. Und sogar dieser Zeitplan könnte möglicherweise nicht großzügig genug sein, denn viele Projekte internationaler Hilfsorganisationen enden im kommenden Jahr. Wie es dann weitergeht? „Wir müssen unbedingt weiter sichtbar bleiben“, sagt der Nepalese, der derzeit seine Doktorarbeit an der Universität Budweis schreibt. Denn in einer Welt mit derart vielen Konflikten, außenpolitischen Herausforderungen und nationalem Populismus ist die Gefahr groß, dass Nepal auf das Abstellgleis gerät.
(Das Interview führte Christina Schwaha/APA)
(SERVICE: Amnesty-Report - http://go.apa.at/mLcizOLk, Dreikönigsaktion - http://www.dka.at/home/)