Zwischen Ölsand und Natur-Romantik: Kanada lädt zum Weltumwelttag

Ottawa (APA/dpa) - Grüne Wälder, schneebedeckte Berge und glasklare Flüsse voller Lachse - solche Bilder kommen vielen Menschen beim Gedanke...

Ottawa (APA/dpa) - Grüne Wälder, schneebedeckte Berge und glasklare Flüsse voller Lachse - solche Bilder kommen vielen Menschen beim Gedanken an Kanada in den Kopf. In diesem Jahr feiert das nordamerikanische Land den 150. Jahrestag seiner Staatsgründung und hat zudem die Schirmherrschaft über den Internationalen Tag der Umwelt am kommenden Montag (5. Juni) übernommen.

Der von den Vereinten Nationen (UN) ins Leben gerufene Gedenktag soll in Erinnerung an die Eröffnung der UN-Konferenz zum Schutz der Umwelt am 5. Juni 1972 in Stockholm das Bewusstsein für die Vielfalt der Umwelt und ihre Bedrohung durch den Menschen stärken. Weltweit nehmen rund 150 Länder mit Veranstaltungen und Aktionen teil.

In Kanada, wo rund zehn Prozent der Land- und Seeflächen und rund ein Prozent der Meeresflächen unter Schutz gestellt sind, sind in diesem Jahr alle 46 Nationalparks kostenlos zugänglich. So auch der 1885 gegründete Banff-Nationalpark in der Provinz Alberta - Kanadas erster und der weltweit dritte. Besucher können dort Gletscher, Seen, Bären, Wölfe, Elche und neuerdings auch wieder Bisons sehen.

So gut soll die Luft im Nationalpark sein, dass ein Unternehmen sie sogar in Flaschen verkauft - eine Spraydose für etwa 30 kanadische Dollar (rund 20 Euro). 10.000 Flaschen im Monat verkaufe seine Firma alleine in das von Luftverschmutzung stark betroffene China, sagte Vitality-Air-Gründer Moses Lam der BBC. „Unsere Luft ist einfach eine Erfahrung, die viele Menschen in China und Indien nicht haben können.“

Kanadas 2015 liberaler Premierminister Justin Trudeau markiert gerne den Umweltschützer. Gemeinsam mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama kündigte er im Dezember an, in weiten Teilen der Arktis vorerst nicht mehr nach Öl und Gas bohren zu lassen. Und auch wenn der neue US-Präsident Donald Trump schon Schritte zur Rücknahme der Abmachung unternommen hat, hält Trudeau daran fest.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. 2011 hatte Kanada verkündet, aus dem Kyoto-Protokoll auszusteigen, das erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern festgelegt hatte. Trudeau hat diesen Schritt bisher nicht wieder rückgängig gemacht, auch wenn unter seiner Regierung das 2016 in Kraft getretene Pariser Klimaabkommen ratifiziert wurde.

Das in Washington sitzende Forschungsinstitut Center for Global Development, das jedes Jahr 27 Industrieländer beispielsweise zu den Themen Technologie und Handel untersucht, sieht Kanada beim Thema Umwelt nur auf dem 23. Platz - dahinter liegen nur noch die USA, Australien, Japan und Südkorea. Als positiv sieht das Institut die Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens und die relativ geringe Einfuhr von Tropenholz an. Die Negativliste ist weitaus länger: geringe Benzinsteuer (nur in den USA ist sie noch niedriger), relativ hoher Ausstoß von Treibhausgasen und starke Nutzung fossiler Energieträger.

Dazu kommt die Umweltverschmutzung durch die Gewinnung von Rohöl aus kanadischen Ölsanden. Davon wollen auch die USA mit Hilfe der umstrittenen Pipeline-Erweiterung „Keystone XL“ profitieren, die Rohöl aus den Erdölfeldern der westkanadischen Provinz Alberta zu Raffinerien in den USA bringen soll. Viele Kanadier protestieren. Solche Projekte zerstörten „Land, Wasser und Luft“ vieler Gemeinschaften, wehrt sich der Bürgerverband Council of Canadians. „Wir drängen die kanadische Regierung zu starken Maßnahmen, die unsere Umwelt schützen und sich auf erneuerbare Energien konzentrieren.“

Trudeau hält sich dazu bisher bedeckt und gibt vorerst weiter den Umwelt-Romantiker. „Mein Vater hat uns Trudeau-Burschen beigebracht, wie man mit einem Kanu paddelt, fast noch bevor wir gehen konnten. Und wie viele Kanadier habe ich viele Sommernächte unter den Sternen verbracht, neben einem Lagerfeuer, wo ich bei lebendigem Leibe aufgegessen worden bin, weil mein Vater nicht an Insektenspray geglaubt hat. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir Kanadier es verstanden haben, wenn es um unsere Umwelt geht. Wir schätzen ihre Schönheit, verstehen ihre Gefahr und kennen ihren Wert.“