Russegger: „Der eigene Antrieb ist das größte Talent“
Die Kitzbüheler Ex-Spielerin Petra Russegger hört als Nachwuchsleiterin beim Österreichischen Tennisverband auf – nach nunmehr acht Jahren.
Seit 2009 arbeiteten Sie beim ÖTV, mit Juni beenden Sie nun überraschend Ihre Karriere dort. Warum?
Petra Russegger: Es war meine Entscheidung und sie ist mir nicht leicht gefallen. Ich habe viel erlebt und viele Projekte für die jungen Spieler starten können, aber jetzt möchte ich mich im Sport neu orientieren.
Vor drei Wochen kündigte auch ÖTV-Sportkoordinator Florian Pernhaupt. Ist das ein Zufall?
Russegger: Ich will nur für mich sprechen. Die Bedingungen im letzten Jahr haben mich jedenfalls dazu bewogen, aufzuhören. Ich bin rund 25 Wochen im Jahr unterwegs und war auch schon als Spielerin viel auf Reisen. Jetzt möchte ich wieder mehr daheim sein.
Was schwebt Ihnen als neue Herausforderung vor?
Rusegger: Es gibt einige Angebote – auch aus dem Ausland. Mal schauen, was sich in den kommenden Tagen ergibt. Aber der Nachwuchs und vor allem die jungen Mädchen im Tennissport liegen mir am Herzen.
Tirol hat im Damentennis erfolgreiche Spielerinnen hervorgebracht. Wo bleiben die Nachfolgerinnen von Schett, Plischke, Wartusch, Mayr oder auch Ihnen?
Russegger: Wir haben einige Talente bei uns, die es allerdings behutsam und mit Erfahrung zu führen und fördern gilt. Es gibt jedenfalls genug zu tun.
Was heißt das konkret?
Russegger: Es gilt, einen Karriereplan aufzustellen, dazu ein Netzwerk, auch um die finanziellen Aspekte zu berücksichtigen. Außerdem braucht es moralische Unterstützung. Mädchen wechseln etwa schon früh nach dem Jugendtennis in die Damentour und haben damit einen schnelleren Einstieg als die Burschen in die Erwachsenen-Klasse.
Einige wagen den Weg, sich früh für eine Profikarriere zu entscheiden. Richtig?
Russegger: Ich habe viele Talente gesehen, die diesen Weg eingeschlagen und alles auf eine Karte gesetzt haben. Eltern, die ihre Häuser aufs Spiel setzten, bei internationalen Turnieren auch welche, die ihre Kinder stark unter Druck gesetzt haben. Dass eine Karriere aufgeht wie etwa jene von Dominic Thiem, ist natürlich auch ein Produkt harter und erfolgreicher Arbeit. Ich sehe mich jedenfalls als Anwältin der Nachwuchstalente, sie präventiv auf die Belastungen, zukunftsorientierte Spielweisen und Erfahrungen jeglicher Art vorzubereiten.
Sie haben etwa Alexander Zverev oder Belinda Bencic bereits bei Nachwuchsturnieren gesehen. War deren Karriere vorhersehbar?
Russegger: Ja, schon. Diese Spieler fielen auf, waren besonders und herausragend. Dennoch ist das keine Garantie für eine erfolgreiche Karriere, da muss alles zusammenstimmen. Der eigene Antrieb ist jedenfalls das größte Talent, das ein junger Spieler haben kann, und das hatten diese Spieler alle.
Ist dieser Weg seit dem Ende Ihrer aktiven Karriere 2004 härter geworden?
Russegger: Bedingt. Die Dichte bei den Damen etwa hat zwar zugenommen. Vieles wie die Trainingsmethoden und die Spieltaktik haben sich auch weiterentwickelt. Das Training war aber immer schon hart. Der größte Unterschied sind aber wohl die äußeren Einflussfaktoren. Wenn heute ein Kind mit zwölf Jahren erfolgreich ist, glauben viele aus seinem Umfeld, drei Jahre später in der Box von Roland Garros zu sitzen. Der Erwartungsdruck ist größer geworden, das Vertrauen in die Trainer hingegen kleiner.
Wie meinen Sie das?
Russegger: Man kann sich heute leichter informieren, aber nur weil man einige Texte gelesen und Videos gesehen hat, ist man noch lange kein Tennisfachmann. Manche sehen eine Karriere bereits zu Beginn als Geschäftsmodell. Im Unterschied zu früher gibt es heute auch mehr Tennisschulen und weniger uneigennützig bei einem Verein arbeitende Trainer.
Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer