“Beuys“

Quälende Fragen für Verführer

Beuys. Ab 12 Jahren. Derzeit in Innsbruck: Cinematograph.

Andres Veiel erzählt in „Beuys“, wie der Jahrhundertkünstler die Kunst und die Gesellschaft demokratisieren wollte.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Ob Politiker, Prediger oder Pädagoge, die Begabten unter ihnen „spüren die inneren Fragen“, die das Publikum bewegen oder gar quälen. Der Magier kann davon ausgehen, dass seine Zuschauer lustvoll getäuscht werden wollen, dem Sektenführer fliegen die schutzlosen Seelen zu, auch der Demagoge muss nicht mit Widerspruch rechnen, wenn gedemütigte Menschen im Saal sitzen.

Der deutsche Dokumentarfilmer Andres Veiel („Black Box BRD“, 2001) eröffnet seinen Film „Beuys“ vorbeugend mit einer Warnung, denn das erste Statement des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys (1921–1986) kann nur als Aufforderung verstanden werden, auf der Hut vor den Erzählungen zu sein. Mit seinen beiden Cuttern Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer konnte Veiel auf unermessliches Archivmaterial zurückgreifen, denn der begnadete Selbstdarsteller war auch der erste Medienstar der Bundesrepublik Deutschland. Seit den 60er-Jahren waren jeder Auftritt, jede Aktion, die Vorlesungen und Diskussionen dokumentiert worden, in Japan drehte Beuys sogar eine Whisky-Werbung zur Finanzierung seiner Documenta-Aktion „7000 Eichen“. In den 107 Minuten von „Beuys“ sind demnach zwei Inszenierungen zu sehen – jene von Beuys, der auf Image und Wirkung achtet, und jene Veiels, der seiner Sympathie folgend entscheidet, wann geschnitten wird. Das wird nicht ohne Humor in einer Szene deutlich, in der sich Andy Warhol während einer Vernissage auf der Suche nach Beuys durch die Gäste drängt. Das erweckt den Eindruck der Verzweiflung. In einem anderen Film ist zu sehen, wie sich die beiden Kunstmarktführer der Ära herzlich umarmen.

Als Beuys Anfang der 60er-Jahre die Kunstszene mit seinem Hut, mit Filz, Fett und anderen Objekten des Alltags betrat, war Deutschland nicht bereit für den „erweiterten Kunstbegriff“. In den Köpfen von Kritikern und Kunstbeamten wüteten noch die Gehässigkeiten aus der Nazizeit, auf die Beuys mit einer Gegenerzählung reagierte. Er berichtete vom jungen Bordfunker Beuys, der in einem Jagdbomber „zurechtgeschossen wurde“, den aber herumziehende Tataren fanden, mit Fett einrieben, in Filz wickelten, um ihn zu wärmen, bevor er zwölf Tage später in einem deutschen Krankenhaus auf der Krim zu Bewusstsein kam – mit „einem Dachschaden“. Eine zweite Version der Geschichte macht das Augenzwinkern sichtbar, aber die Idee der „autobiografischen Kunst“ war geboren, Fett und Filz wurden zu Belegen einer Traumatisierung, aber auch zu jenen Werkstoffen, die Unbeteiligte zu kostspieligen Putzarbeiten verführten. Als 1969 Beuys in Kassel für seine berührend poetische Rauminstallation „Das Rudel“ 40 Holzrodeln mit aufgepackten Filzrollen schutzsuchend in einen VW-Bus drängen lässt, wird eine anschließende Fernsehdiskussion mit einem Kunsthistoriker, der alle Häme über den Künstler auszuschütten versucht, zum unvergesslichen Fluxus-Spektakel, bei dem Beuys auch den Humorbegriff erweitern kann. Das Lachen gehört zur Beuys-Revolution, „ich möchte auch auf meine Kosten kommen”.

Humor benötigte der Aktionist in den 70er-Jahren auch bei seiner Verwandlung in den politischen Aktivisten, der zu einem Gründungsmitglied der deutschen Grünen wurde. Schlaumeier verlangen bei Wahlveranstaltungen neben einem Autogramm auch nach einer Zeichnung, um sich mit der Wertanlage abzusichern, ohne im Tausch die Stimme garantieren zu wollen. Aber 1983 begannen die Grünen an der Attraktivität des Künstlers zu zweifeln („Du kostest uns Stimmen!”) und zogen ohne Beuys in den Bundestag. Den Verlust für die Republik macht Andres Veiels „Beuys“ spürbar.