Wiener Festwochen - Die „Agora“ der Bürgergesellschaft als Monolog
Wien (APA) - „Wir müssen reden“ - ein Satz, der in Beziehungen meist nichts Gutes verheißt, jedoch die fundamentale Grundlage einer demokrat...
Wien (APA) - „Wir müssen reden“ - ein Satz, der in Beziehungen meist nichts Gutes verheißt, jedoch die fundamentale Grundlage einer demokratischen Gesellschaft darstellt. Und diese Maxime beherzigen auch die Wiener Festwochen mit dem Kooperationsprojekt „Agora“. Ein theatraler Speakers‘ Corner ist hier die Vision, hinter der der unermüdliche Politaktivist Robert Misik und Avantgarderegisseur Milo Rau stehen.
Gemäß der alten Idee des griechischen Marktplatzes hofft man auf „eine Debatte jenseits des Kampfmodus“ an den sieben Theaterabenden im Wiener Schauspielhaus. In der Vorausahnung, dass die Einbeziehung des Auditoriums per se kein Leichtes ist, rahmt man das Format mit einem schauspielerischen Pro- und Epilog, in dem drei Akteure ohne feste Rollen die aktuellen Phrasen der Debatte rapportieren („Wer Zeitung liest und Fakten kennt, gehört schon zum Establishment“).
Flankierend begleiten überdies Proponenten die Debatte, zum Auftakt etwa „Krone“-Innenpolitikchef Claus Pandi oder die Philosophin Chantal Mouffe, denen sich ein Inputgeber mit einem Impulsreferat beigesellt. So umriss bei der Premiere am Montagabend Allzweckwaffe Philipp Blom gleich den Grundcharakter respektive das Grundproblem des gesamten Formats: „Ich bin die Stimme des Establishments - wie wahrscheinlich alle in diesem Raum.“
Ob nun Elite oder nicht, fand sich im Schauspielhaus selbstredend der soziokulturell relativ homogene Festwochen-Besucherschnitt ein. Entsprechend moderat fielen die unterschiedlichen Positionen jener 14 Redner aus (darunter nur drei Männer), die sich nach anfänglichem Zögern schließlich ans Mikrofon trauten, um ihre vier erlaubten Minuten freier Redezeit bei diesem „Im Zentrum“ der Bürgergesellschaft zu nützen.
Wieso trauen sich nette Menschen nicht, so mutig aufzutreten wie Sebastian Kurz oder Wolfgang Schüssel? Weshalb lässt man in einer Demokratie eigentlich immer die anderen machen? Und möchte man in einem Land leben, das für Europa brennt? Oder überhaupt in einem Land und nicht lieber im Entgrenzten? Einzig der als Spin-Doktor für die Mehrzahl der Abende engagierte und als geläuterter Populist auftretende Stefan Petzner konterkarierte da die Stimmung mit der Position „In der Demokratie geht es immer um Macht“ und dem Verweis, dass die Diskussion an der Wirklichkeit vorbeigehe.
Auch wenn man die letztlich fruchtlose und bereits bis zur Ermüdung geführte Debatten beiseite lässt, wer nun das Volk oder die Bevölkerung repräsentiere, ob sich intelligente Argumente stets nur in der Bubble bewegen oder ob es vermeintlich keine Kommunikation der Schichten mehr gibt: Bei „Agora“ bedingt das Format just das, was landläufig jeder Talkshow vorgeworfen wird: das Absondern von Statements ohne Bezug auf Vorredner oder Kontext. Es gibt letztlich Monolog statt Dialog, Einzelmeinungen anstelle von Diskurs.
„Sind alle so zufrieden?“, zeigte sich Misik an einer Stelle überrascht vom mangelnden Interesse am Mikrofon. Und letztlich lautet die Antwort bei allem wohlfeilen Lamento wohl: Ja. Da ist es fast ein wenig beschämend, wenn Möstafa Nouri, der einst als Flüchtling nach Österreich kam und nun als einer der flankierenden Experten geladen ist, nach langem Zuwarten das Wort ergreift und sich zunächst einmal einfach freut: Solch eine Diskussion zwischen Politik, Bürgern und Künstlern sei in Afghanistan schlicht undenkbar.
(S E R V I C E - „Agora“ von Robert Misik unter konzeptioneller Mitarbeit von Milo Rau als Produktion des Schauspielhauses, Porzellangasse 19, 1090 Wien in Kooperation mit den Festwochen. Bühne: Michael Zerz, Kostüme: Mirjam Ruschka. Mit Simon Bauer, Steffen Link, Robert Misik, Vassilissa Reznikoff und diversen Gästen. Weitere Termine am 31. Mai sowie am 7., 10., 11., 13. und 14. Juni. www.schauspielhaus.at)