Nach Frankreich-Wahl: Unternehmen atmen auf
Wien (APA) - Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich wollte dort niemand mehr Geld locker machen: Zu groß waren die Bedenken, dass Mari...
Wien (APA) - Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich wollte dort niemand mehr Geld locker machen: Zu groß waren die Bedenken, dass Marine Le Pen an die Macht kommen könnte. „Nun ist der Korken aus der Champagnerflasche gesprungen und es fließt wieder“, so der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Paris, Christian Schierer, bei einem Pressegespräch am Dienstag in Wien.
Mit dem Sieg Emmanuel Macrons seien die Anfragen von Unternehmen, die in Frankreich Fuß fassen wollen, wieder gestiegen. Auch die Franzosen selbst seien guter Dinge.
Macron steht laut Schierer absolut für Globalisierung und kann den Franzosen, „die sich noch immer oft als Nabel der Welt sehen“, Europa gut verkaufen. Er setze sich für ein geeintes Europa ein und wolle etwa einen Eurozonen-Minister etablieren. „Er schafft den Spagat zwischen den Liberalen und dem Nationalismus“, die Erwartungshaltung an Macron sei sehr hoch. Auch wenn er Sozialist ist, weiß Macron, dass er mit Wirtschaft und Unternehmen zusammenarbeiten muss, so der Wirtschaftsgelegierte.
„Die Franzosen sind sich bewusst, dass sie etwas ändern müssen“, so Schierer. Nach 30 Jahren Stillstand müsse das Land redynamisiert werden. Auch wenn die endgültige Regierungskonstellation erst nach der Parlamentswahl am 11. und 18. Juni feststeht, sind einige Punkte fix. „Ab September wird der Rollbalken aufgelassen“, so Schierer.
Etwa 150.000 Beamte sollen abgebaut werden, zudem soll die Steuerlast für Unternehmen gesenkt werden. Auch das Arbeitsrecht soll aufgeweicht werden. Die Wirtschaft warte schon gespannt auf baldige Änderungen im Arbeits- und Firmengründungsgesetz. Dann würden die Unternehmen auch wieder mehr Personal anstellen, meinte Schierer.
Das Ausbildungssystem sei momentan sehr elitär, da sollen ebenfalls Reformen kommen. Bei der Berufsausbildung nehme man sich etwa ein Beispiel am österreichischen Lehrlingssystem. Auch die Reindustrialisierung stehe auf der Agenda: Viele Unternehmen, die nach Asien abgezogen sind, sollen wieder zurückgeholt werden.
Im Bereich Forschung und Entwicklung ist Frankreich indes eine Grande Nation: Im EU-Vergleich lag das Land mit F&E-Ausgaben von 50 Mrd. Euro im Jahr 2015 an zweiter Stelle. Umfangreiche Steueranreize und Investitionsförderprogramme unterstützen Innovationen, so Schierer. Im Start-up Bereich wolle Frankreich europaweit die Führung übernehmen: Im Sommer soll mit der „Station F“ der weltgrößte Start-up-Campus in Paris eröffnet und Heimat für über 1.000 Start-ups werden.
Das europäische Pendant zum Silicon Valley, Sophia Antipolis, gebe es schon seit 1969 in der Nähe von Nizza. Dort befinden sich heute mehr als 1.000 Unternehmen mit über 34.000 Beschäftigten. Zudem seien die Kosten für IT-Personal in Frankreich deutlich geringer als in anderen Start-up-Mekkas wie San Francisco.
Die Brexitfantasie sei für Frankreich ebenso ein großes Thema, besonders für Fintechs. „Im Finanzbereich wird wohl Frankreich das Rennen machen“, meinte Schierer.
Schierer selbst will das Image Frankreichs bei heimischen Unternehmen aufpäppeln, denn diese hätten oft ein falsches Bild. „Die Schwierigkeiten, die mit Frankreich assoziiert werden, sehe ich nicht“, so Schierer. Die viel zitierte 35-Stunden-Woche gebe es etwa nur im engsten Beamtenapparat, privatwirtschaftliche Unternehmen hätten diese kaum. Man müsse sich auch bewusst sein, dass man von Frankreich, das 66 Millionen Einwohner zählt, den gesamten frankophonen Markt mit 320 Millionen Menschen betreten kann.
„Wir wollen auch verstärkt kleine Unternehmen nach Frankreich bringen“, so Schierer und will unter anderem Unternehmen aus der Modebranche und der Kreativwirtschaft locken. Heiß begehrt seien momentan auch Bio-Lebensmittel, die in Frankreich nur unzureichend produziert werden.
Frankreich ist der fünftwichtigste Exportmarkt für österreichische Waren, 2016 wurden laut Schierer Produkte im Wert von 6 Mrd. Euro verkauft. Die Dienstleistungsexporte beliefen sich auf 1,5 Mrd. Euro. Besonders die traditionell wichtigsten Exportbranchen haben sich laut Schierer gut entwickelt.