Die buchstabierte Stadt
Was Schriften im öffentlichen Raum über den Wandel in Konsum, Technik, Handwerk und Kultur aussagen.
Von Ivona Jelcic
Innsbruck –In der Sperlgasse im 2. Wiener Gemeindebezirk zieht eine ehemals eher trostlose Feuermauer viele Blicke auf sich. Was einst über Feinkostläden, Elektrohändlern oder Möbelgeschäften geschrieben stand, wurde hier zu einer Art Freilichtmuseum für urbane Schriftkultur zusammengebracht. Dahinter steht der Verein Stadtschrift, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, historische Fassadenbeschriftungen, die allmählich aus dem Stadtbild verschwinden, zu sammeln – und damit oftmals vor dem Müllcontainer zu bewahren.
Ähnliche Aktivitäten gibt es in vielen weiteren Städten, darunter auch Innsbruck, wo etwa die Grafikerin Karen Gleissner ein stetig wachsendes „Buchstabenarchiv“ angelegt hat. Auch im Innsbrucker Weissraum, rühriges Forum für Grafikdesign und Typografie, beschäftigt man sich mit dem Thema. Seit 2016 bietet Markus Weithas „Typowalks“, also geführte Schriftspaziergänge an, im Blog www.typemuseum.com wächst eine „Innsbruck-Collection“. Jetzt hat sich Gleissner mit ihrem Buchstabenarchiv mit dem Weissraum zusammengetan – entstanden ist die Ausstellung „Urbantypes“. Sie reicht weit über Innsbruck hinaus. Und angesichts der Schätze, die sich darin befinden, wünscht man sich, es möge sich baldigst auch in Innsbruck eine Mauer finden, wo sie präsentiert werden könnten. Wo wäre die Typografie-Geschichte einer Stadt auch besser aufgehoben als im öffentlichen Raum? Zumal es nicht bloß um Nostalgie geht, wenn historischen Schriftzügen wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dort, wo sie im uniformen Schilderwald großer Konsumketten untergegangen sind, offenbart sich auch der Wandel in Handel und Konsumverhalten. Neben technischen Entwicklungen – die Neonschrift etwa trat ab den 1920er-Jahren von den USA aus ihren weltweiten Siegeszug an – sind auch typografische Moden und der Zeitgeist ihrer Entstehung an Fassadenschriften ablesbar: Gefühlte 1000-mal ist man auf dem Weg in Richtung Süden daran vorbeigefahren, die Aufschriften „Brennersee“ und „Lebensmittel“ haben sich ins visuelle Gedächtnis eingebrannt. Jetzt stellt man staunend fest, dass der Schriftzug über dem in den 1960er-Jahren eröffneten Greislerladen der Wipptaler Familie Fröhlich eine gewisse Ähnlichkeit mit jenen der US-amerikanischen Straßenkreuzer der 50er und 60er hat. Die Verheißungen von Freiheit, Mobilität, den Speed des Wirtschaftswunders wollte man auch in großzügig in die Breite gezogener Schreibschrift ausdrücken.
Und noch viel mehr lässt sich den „Patientenakten“ entnehmen, wie Nicola Weber vom Weissraum die ausführlichen Dossiers zu den Schriftzügen lachend nennt. Darin sind nicht nur die Typografien klassifiziert, es wurden auch zahlreiche Hintergrundinformationen recherchiert: So erfährt man, dass Architekten wie Franz Baumann oder Clemens Holzmeister auch die Beschriftungen für ihre Bauwerke selbst entworfen haben. Oder dass die Schrift „Cooper Black“, die ein heimisches Geldinstitut für sich verwendete, einst auch in der Popkultur äußerst beliebt war: Sie ziert das Beach-Boys-Album „Pet Sounds“ von 1966.