Scharlach kann mehrmals ausbrechen
Nicht jede Infektion mit Streptokokken löst sofort Scharlach aus. Erst wenn die hochansteckenden Bakterien im Körper ein bestimmtes Gift bilden, spricht man von Scharlach. Heute bekommt man das gut in den Griff.
Von Theresa Mair
Innsbruck –In Tirol sind heuer 57 Menschen an Scharlach erkrankt, in ganz Österreich waren es bisher 583. Das weiß man so genau, weil die Streptokokken-Infektion Scharlach zu den meldepflichtigen Erkrankungen gehört. Es gibt keine Impfung dagegen. Unbehandelt kann die Infektionskrankheit durchaus gefährlich werden. Trotzdem sollte man keine Angst haben – weil es Penicillin gibt.
„Das Epidemiegesetz ist sehr alt. Man hat sich nur noch nicht dazu durchgerungen, Scharlach von der Liste der meldepflichtigen Krankheiten zu streichen. Scharlach hat heute an Bedeutung verloren, weil es gute Medikamente gibt“, sagt Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion. Voraussetzung ist, dass Penicillin zehn Tage lang eingenommen und keinesfalls früher abgesetzt wird.
Denn Streptokokken, die Scharlach-Erreger, können eines von drei Scharlach-Giften bilden. Als Komplikation kann es zu Erbrechen, Durchfällen und Kreislaufversagen kommen. Es ist außerdem möglich, dass Scharlach eine Zweiterkrankung nach sich zieht. Diese äußert sich dann als Herzentzündung, Gelenksentzündung, Nierenentzündung, rheumatisches Fieber oder unkontrollierte Bewegungen (Chorea minor). „Da es drei Toxine gibt, kann man Scharlach theoretisch auch öfter als einmal bekommen“, erklärt Luckner-Hornischer.
Damit spricht sie ein Reizthema an. „Die Leute kommen oft zu uns und schimpfen: ,Jetzt habe ich schon zum fünften Mal Scharlach!‘“, erklärt Jürgen Brunner, geschäftsführender Oberarzt im Kinderzentrum der Uniklinik Innsbruck. Zwar kann Scharlach eben öfter auftreten. Es gelte aber auch zu bedenken, dass Streptokokken nicht nur Scharlach auslösen, sondern auch die viel häufigere eitrige Streptokokken-Angina mit Fieber, Schluckbeschwerden und typischen punktförmigen weißen Belägen (Stippchen) auf den Mandeln.
Was viele nicht wissen: „Das Bakterium allein macht nicht Scharlach, sondern das Toxin, das von den Streptokokken produziert wird“, betont Brunner. Erst wenn zur Streptokokken-Angina geschwollene Lymphknoten, ein Hautausschlag, eine knallrot verfärbte so genannte Himbeerzunge sowie ein Krankheitsgefühl dazukommen, sollte die Diagnose Scharlach gestellt werden.
Eine Streptokokken-Infektion stellt man mit einem Schnelltest – ein Rachenabstrich – fest. Obwohl die Bakterien hochansteckend sind, empfiehlt Brunner keine Reihenuntersuchung. Das heißt: Nur weil ein Kind im Kindergarten eine Streptokokken-Infektion hat, müssen nicht alle anderen Kinder sofort einen Abstrich machen lassen. „Viele haben Angst, etwas zu übersehen. Aber: Gegen Streptokokken behandelt werden nur Patienten mit nachgewiesenem Infekt und keine Gesunden“, so der Kinderarzt.
24 Stunden nach der ersten Penicillin-Gabe ist laut Luckner-Hornischer die Ansteckungsgefahr gebannt. Ein gesundes Kind von Kindergarten oder Schule daheim zu lassen, sei daher nicht ratsam. „Ein hochfieberhafter Infekt ist nie gut für Schwangere“, rät die Expertin werdenden Müttern, auf Abstand zu bleiben. Dasselbe gilt für Menschen mit chronischen Immunkrankheiten. Erkrankte Kinder sollten erst wieder zurück in die Klasse, wenn sie mindestens einen Tag fieberfrei und wieder vollaktiv sind. Ein paar Wochen nach überstandenem Scharlach sollte man in Hinblick auf eine Nierenentzündung sicherheitshalber den Harn kontrollieren lassen.
Von einem erhöhten ASL-Wert (Streptokokken-Antikörper) im Blut soll man sich aber nicht erschrecken lassen. Der zeigt nämlich nur an, dass man schon einmal eine Streptokokken-Infektion hatte. „Eine wiederholte Bestimmung von ASL macht keinen Sinn.“