Musik

Wald und Romantik als Rohstoff

Der Kölner Wolfgang Voigt hat unter den verschiedensten Namen rund 160 Alben produziert. GAS ist sein stabilstes musikalisches Projekt.
© Kompakt

Techno-Visionär Wolfgang Voigt alias GAS lädt beim Heart of Noise Festival zum Trip durch einen verzauberten, finsteren Wald.

Von Silvana Resch

Innsbruck –Wolfgang Voigt hat sich viele Jahre Zeit gelassen, bevor er GAS, sein wohl bekanntestes Musikprojekt, reanimierte. Vergangenes Jahr hat das von ihm mitbegründete Kölner Elektronik-Label Kompakt eine zehn Vinylplatten umfassende Werkschau des Techno-basierten Ambient-Projektes unter dem Titel „Box“ veröffentlicht. Mit „Narkopop“ ist nun, 17 Jahre nach „Pop“, ein neues GAS-Album erschienen. Keine Rückkehr zu GAS, sondern eine Fortsetzung, wie der Musikproduzent und Künstler gegenüber der TT betont. „Wie schon oft zitiert: Dinge dürfen wiederkommen, wenn sie wissen, warum sie weg waren“, sagt Voigt.

Mit Rückverzauberung, dem GAS-Nachfolgeprojekt, hatte sich Voigt weiter in Richtung Abstraktion und Atonalität bewegt. Auf „Narkopop“ ertönt nun wieder von fern die Bassdrum, entrückter als zuvor, ein seltener Anker in diesen elektronischen Klangschichtungen von hypnotischer Wirkung. Immer tiefer und tiefer wird der Hörer in diese dunklen, polyphonen Klangnebel und -wolken gezogen. Manch einer fühlt sich da an romantisch-albtraumhafte Filmmusik à la David Lynch/Angelo Badalamenti erinnert.

Wolfgang Voigt hat seine eigenen Bilder: „Mein Film zu ,Narkopop‘ ist ein Trip durch das unterbewusste Seelen­dickicht eines form- und farbverzauberten Waldes unbekannter Herkunft.“

Viel Lärm um Noise

Unter dem Titel „Pop Life“ will das Heart of Noise Festival von Freitag bis Sonntag mit einem ebenso anspruchsvollen wie ambitionierten Programm die Möglichkeiten der Künste jenseits von E und U erforschen. Hauptbühne ist das Treibhaus.

Acts wie Jenny Hval haben zuletzt recht erfolgreiche Ausflüge in Richtung Pop unternommen, von denen sich das Publikum aber nicht täuschen lassen sollte. Genesis P-Orridge, einer der radikalsten Performer der Popkultur, schaut mit Psychic TV vorbei.

Mi chaela Senn präsentiert ihre „Heart of Noise“-Vinyl-Edition „Sujet Incertain“ am Sonntag im Treibhaus.

Jugendliche LSD-Erfahrungen im Kölner Königsforst standen Pate, als Voigt als erster den deutschen Wald mit Techno zusammendachte. Eine Grenzüberschreitung, für die ihn Ende der 90er-Jahre manche Zeitungen ins rechte Eck stellen wollten – was Voigt als lächerlich kommentierte. Für ihn, in seiner eigenen künstlerischen Fantasie habe es diese Grenze nie gegeben, sagt der 56-Jährige. „Wenn, dann war es eine Grenzüberschreitung für die Hör- und Sehgewohnheiten der Leute oder der allgemeinen Musik- beziehungsweise Kunstrezeption.“

Das Überschreiten und Infragestellen von Genre- und Stilgrenzen sei aber immer „fast zwanghafte Antriebskraft“ seiner Kreativität gewesen, so Voigt, der seit Anbeginn interdisziplinär zwischen Kunst und Musik arbeitet. „In entscheidenden Fragen künstlerischer Auseinandersetzung finde ich oft Ansätze, Strukturen, Möglichkeiten in Kunst und Musik, die sich wechselseitig befruchten oder bedingen.“

Der deutsche Sehnsuchtsort Wald ist dabei seit den Anfangstagen GAS-Hauptinspiration. „In einem bestimmten fokussierten Blick in den Wald beziehungsweise in dessen ,gezoomte‘ Details sehe ich ebenso Parallelen zu komplexen digitalen Strukturen wie zu den Action Painting Bildern von Jackson Pollock. Sich aus solchen Perspektiven mit dem Wald und seinen Mythen künstlerisch zu vernetzen, hat mich von je her inspiriert.“

Mit GAS hatte Voigt seit den späten 90er-Jahren Klangschnipsel von Wagner, Mahler oder Bruckner gesampelt und mit elektronischen Elementen, allen voran der Bassdrum kombiniert. Das klassische Material von seiner ursprünglichen kulturellen, politischen, geschmacklichen Bedeutung zu befreien, war sein Ziel.

Auf „Narkopop“ dominieren die symphonischen Klangkörper, allen voran Streicher und Bläser. Der Sampler ist seit mehr als zwanzig Jahren das primäre Instrument des Techno-Visionärs. „Dabei arbeite ich mittlerweile wie ein Bildhauer mit einem Lehmklumpen. Ich selektiere Audioquellen, Wellenformen unterschiedlichster Herkunft, in der Regel nach rein ästhetischen Kriterien, und modelliere damit in freier abstrakter Form. Bestimmte Erfahrungen und Regeln spielen hierbei ebenso eine Rolle, wie bestimmte unbekannte Nebeneffekte und provozierte Zufälle.“

Das audiovisuelle Projekt GAS ist live beim Heart of Noise (So, 0.00 Uhr) zu erleben.