Jihadisten-Prozess 2 - Angeklagter: „Habe keine Gefahr gespürt“
Graz (APA) - Am Nachmittag begann die Befragung von Enes S, dem unter anderem versuchter Mord als terroristische Straftat angelastet wird. E...
Graz (APA) - Am Nachmittag begann die Befragung von Enes S, dem unter anderem versuchter Mord als terroristische Straftat angelastet wird. Er soll mit seiner Partnerin und den fünf Kindern nach Syrien gegangen sein und dort als Scharfschütze zumindest einen Mann schwer verwundet haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, eine Kampftruppe der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) geführt zu haben.
Der 39-Jährige lebte mit seiner Familie in der Weststeiermark, bevor er im Dezember 2014 nach Syrien ging. Der Entschluss sei in ihm nach Besuchen im Glaubensverein Taqwa gereift. Allerdings gab er ebenso wie die übrigen Beschuldigten an, er wollte nur kurz nach Syrien „um sich alles anzuschauen.“ Doch zuvor verkaufte er sein Auto und gab die beiden Hunde weg. „Kann man daraus nicht schließen, dass Sie länger wegbleiben wollten?“, fragte der Richter. „Wir wären länger geblieben, wenn es gepasst hätte“, bestätigte der Angeklagte.
Aber es passte ganz und gar nicht, wie Enes S. schon nach seiner Ankunft in Syrien feststellen musste. Er wurde sofort von der Familie getrennt und in ein Lager gebracht, wo die Scharia-Ausbildung begann. Es folgte ein militärisches Training, das er aufgrund seiner Teilnahme am Jugoslawien-Krieg nicht unbedingt benötigt hätte. Nach Angaben des Mitangeklagten Hasan O. trainierte S. selbst jüngere Bursche in dem Lager, da er beispielsweise mit einer Kalaschnikow gut umgehen konnte. „Das war nur einmal, da haben wir auf Dosen geschossen“, schwächte er ab. Dass er als Scharfschütze beim IS mitgemacht habe, hatte er von Anfang an geleugnet.
Schon bald bereute er die Umsiedlung nach Syrien, und im Jänner 2016 flüchtete die Familie zurück in die Türkei. „Ich habe keine Gefahr gespürt. Ich habe auch nicht gewusst, welche Gestalten mir dort entgegentreten. Ich habe diesen Leuten vertraut“, erklärte er seinen folgenschweren Entschluss. „Ich habe einen Riesenfehler gemacht“, betonte er.
Der Prozess wird morgen, Donnerstag, mit der Anhörung von Zeugen fortgesetzt.