Afghanen fühlen sich von der Welt vergessen
Kabul (APA) - Die afghanische Hauptstadt Kabul wurde am Mittwoch von einem der schwersten Anschläge der vergangenen Jahre erschüttert. Eine ...
Kabul (APA) - Die afghanische Hauptstadt Kabul wurde am Mittwoch von einem der schwersten Anschläge der vergangenen Jahre erschüttert. Eine Lkw-Bombe detonierte in einer der belebtesten Straßen der Stadt und tötete mindestens 80 Menschen, mehr als 350 wurden verletzt. Viele Afghanen haben das Gefühl, dass sich kaum jemand für ihr Leid interessiert.
Es dauerte keine halbe Minute, und Jawid Abdul stand am Dach seines Hauses und drehte sich in alle Richtungen. Kurz zuvor hatte die Erde gebebt, erzählt der 47-jährige, die Fenster begannen zu scheppern, doch zu kurz, als dass es nur eines der häufigen Erdbeben sein konnte. Im Norden sah er, wie seine Nachbarn auf den Dächern der Häuser nebenan, eine schwarzgraue Rauchsäule aufsteigen. Dann habe er seine Tochter umarmt, die wie zu Stein erstarrt neben ihm stand, und beide hätten ein Gebet gesprochen.
„Es ist doch Ramadan“, sagt Abdul und versteckt sein Gesicht unter seinen Händen. Auch wenn er zu dem Zeitpunkt der Explosion noch nicht wusste, dass die Detonation einer der schwersten Anschläge in Kabul der vergangenen Jahre ist und die Zahl der Todesopfer stündlich steigen werden wird, habe er Schlimmes befürchtet. Nun fragt er sich, wieso seiner Stadt nicht einmal eine Pause vom Terror gegönnt sei. „Wir fasten und beten von morgens bis abends nur um Frieden und Versöhnung, wie kann das sein?“
Die Bombe detonierte, als Tausende Menschen auf dem Weg zur Arbeit in dem schwer gesicherten Viertel Wazir Akbar Khan waren. Dort befinden sich unzählige Botschaften, Regierungsgebäude und die Häuser hochrangiger Politiker. Die Explosion riss einen riesigen Krater in die Straße. Gleich nach seinem Gebet, erzählt Abdul, habe er versucht, Bekannte zu erreichen, die jeden Morgen in den langen Schlangen der Sicherheitsschleusen angestellt sind, um in Botschaften oder Ministerien ihren Dienst anzutreten. Er brauchte mehrere Versuche, das Telefonnetz war überlastet.
Jawad Sohaili war gerade in der Schule im Süden der Stadt, als die Bombe explodierte. Der 17-Jährige erzählt, er habe sich gleich nach Schulschluss mit seinen Klassenkameraden in ein Krankenhaus in der Nähe aufgemacht, um Blut zu spenden. Die Krankenhäuser der Stadt kämpften damit, die hunderten Verletzten zu versorgen. „Unsere ganze Nation trauert heute. Es war aber trotz des Grauens auch eine schöne Erfahrung, denn dort waren schon lange Schlangen mit Hunderten anderen Freiwilligen“, erzählt er. Auch auf Facebook habe er gesehen, wie viele Menschen innerhalb kürzester Zeit Betroffenen Unterkunft, Essen oder Freiwilligen-Leistungen anboten.
In der Schlange habe es heftige Debatten darüber gegeben, wer für den Anschlag verantwortlich ist. Obwohl die Taliban erst am Dienstag in einer Mitteilung erklärten, der Jihad sei auch während des Ramadan eine Pflicht und es daher keinen Waffenstillstand gebe, wiesen sie die Verantwortung für die Explosion von sich. Die Bombe, versteckt in einem Wasser-Lkw, musste mehrere Checkpoints passieren, bis sie vor dem Büro der Telekommunikationsfirma Roshan und der Fernsehstation TV1 hochging. Viele seien der Meinung, ohne Mithilfe der afghanischen Sicherheitskräfte wäre dies nicht möglich gewesen. Andere hätten erzählt, der vor kurzem nach einem Friedensvertrag nach Kabul zurückgekehrte Warlord Gulbuddin Hekmatyar stehe dahinter. In den vergangenen Tagen gab es vermehrt Forderungen, Hekmatyar solle sich einem Gerichtsverfahren für frühere Anschläge und Menschenrechtsverletzungen stellen. Der Anschlag würde von diesen Diskussionen ablenken.
Auch Nawid Mohammadi am anderen Ende der Stadt spürte die Detonation. Ihn beschäftigt vor allem, wie er sagt, dass Opfer von Anschlägen in Afghanistan in der restlichen Welt niemanden interessieren. „Die Attentate werden dazu genutzt, um das Bild eines blutrünstigen Islam und unzivilisierter, barbarischer Afghanen zu zeichnen“, sagt er. „Unsere Medien berichten über jeden Angriff in Europa und Amerika, und wir trauern um jeden, der getötet wurde.“ Auch viele seiner Freunde seien ob der Gleichgültigkeit erschüttert. „Doch nach uns kräht kein Hahn.“