Ein Hollywood-Star in handzahmer Schwermut
Glamour bei den Wiener Festwochen: Jude Law leidet in Ivo van Hoves rätselhafter Visconti-Adaption „Obsession“.
Von Bernadette Lietzow
Wien –Dieser Abend stellte eindeutig eine Referenz an den Glanz vergangener Festwochen dar, was allein schon an der ansehnlichen Auslastung der Premiere vom vergangenen Mittwoch in der Halle E des Museumsquartiers festzustellen war. Dass das Publikum sich nach der Vorstellung darüber austauschte, wo man noch gut kulinarisch versorgt würde, stößt dem neuen Festwochenintendanten Tomas Zierhofer-Kin sicher schwer auf, hat er doch in Interviews genau diesen kultur-konsumistischen Zugang kritisiert und sich Auseinandersetzung und Diskurs für sein Festwochen-Programm gewünscht. Ist nicht.
Der belgische Regisseur Ivo van Hove, der die Festwochen zuletzt mit „Kings of War“, seiner kristallklaren Interpretation der Shakespeare’schen Königsdramen beglückte, beschäftigt sich seit Längerem mit der anspielungsreichen Bildsprache Luchino Viscontis. Nun konnte er für den Versuch, dessen Film „Ossessione“ (1942) gemeinsam mit der Amsterdamer Toneelgroep für die Bühne zu übersetzen, den oscargekrönten britischen Film- und Theaterstar Jude Law gewinnen.
Die Obsession oder Besessenheit des fatalen Zusammentreffen zweier Verlorener, die Visconti basierend auf dem 1934 erschienenen Roman „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ des US-Autors James M. Cain filmisch verdichtete, gießt van Hove in opernhafte Szenen, die in ihrer Künstlichkeit leider dem Kitsch Tür und Tor öffnen. Die zarte Geschichte eines Vagabunden, der seine Lebens-Unruhe in der Frau des groben Barbesitzers Joseph gespiegelt sieht, eine Liebesbeziehung mit dieser eingeht, um den Ehemann zu töten und letztendlich an Schuld und Erwartungen zu scheitern, bleibt trotz unbestreitbar guter Schauspieler seltsam abstrakt.
Intime Momente zwischen Hanna, von Halina Reijn beeindruckend verkörpert, und dem anziehend disparaten Gino des Jude Law finden eine plakative Übersetzung durch Videos, die auf die Bühnenmöbel von Jan Verweyveld projiziert werden. Ein Lkw-Gerippe dient, schmierölgetränkt und unter Getöse auf und ab bewegt, allzu vordergründig als Todesmaschine für den lästigen Ehemann Joseph (Gijs Scholten van Aschat) und beendet, nach finalem Kuss und mit lautem Tusch, nicht nur Hannas Leben, sondern auch das Stück mit der Konsequenz der Verhaftung Ginos.
Das nahezu archaische Aufeinandertreffen zweier verwandter Seelen, die die Kosten für ihre Zweisamkeit falsch kalkuliert haben und sich fremd bleiben, weil der gemeinsame Lebensentwurf auf einem Verbrechen basiert, geht im Wollen des Regisseurs um allzu stilisierte Ästhetik unter. Fenster zu seiner Sichtweise der Unausweichlichkeit seiner Protagonisten öffnet Ivo van Hove mit dem Instrument des Laufbandes, das die vergebliche Flucht aus den Umständen repräsentiert, musikalisch loten Zitate aus „Carmen“, Dalidas „Romantica“ oder der Folk-Song „This Land Is Your Land“ die seelischen Verhältnisse aus, ohne jedoch wirklich zu berühren.
Hundert Minuten nicht unspannendes, letztendlich aber befremdend konventionelles Schauspiel mit Weltstar-Zuwaage, das vor der mäßig gefeierten Wien-Premiere bereits vom Publikum der koproduzierenden Häuser, des Londoner Barbican Theatre und der Toneelgroep in Amsterdam, mit Zurückhaltung aufgenommen worden war.