Eine verschwommene Welt vor Augen
Laptop, Smartphone oder Tablet-Computer kommen unseren Augen gefährlich nahe. Die häufige Nutzung modernen Geräts fördert Kurzsichtigkeit. Diese kann schlimmstenfalls bis zur Erblindung führen.
Von Markus Schramek
Innsbruck, Salzburg –Ein kleines Ratespiel zu Beginn: Worin unterscheiden sich eine kurzsichtige Person und ein Mensch ohne beeinträchtigtes Sehvermögen morgens beim Erwachen? Richtig! Der Normalsichtige greift gleich zum Smartphone auf dem Nachtkastl. Der Kurzsichtige muss zuerst nach seiner Brille tasten, bevor er sich das Handy vor Augen hält.
Dieses Szenario klingt übertrieben, ist es aber nicht. Denn ein durchschnittlicher Zeitgenosse zückt 88-mal pro Tag sein Handy. Das ist wissenschaftlich untersucht. Ein Leben ohne internetfähiges Endgerät, Computer, Tablet oder eben Smartphone ist für viele schlicht undenkbar.
Für die menschlichen Sehorgane ist dies ein unerfreulicher Befund. Denn die Augen leiden unter der Computerisierung. Kurzsichtigkeit (Fachbegriff: Myopie) breitet sich aus. Dabei wächst das Auge zu stark weiter, während die Netzhaut schon im Kindesalter ausgewachsen ist. Aus diesem Spannungsverhältnis entsteht eine Myopie.
Herbert Reitsamer, Vorstand des Salzburger Uni-Klinikums für Augenheilkunde, hat eine beunruhigende Prognose zur Hand. Danach wird bis ins Jahr 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein. Derzeit ist es rund ein Drittel.
„Auch auf Österreich umgelegt stimmt dieser Trend“, betont der Mediziner. Junge Menschen „kleben“ auch bei uns schon von klein auf viel zu sehr am Laptop oder am Handy. Auch Lesen bei schlechtem Licht fördert die Myopie.
Als Kurzsichtiger sieht man nur Objekte in nächster Nähe scharf. Je weiter entfernt das Betrachtete ist, desto schemenhafter wird es wahrgenommen. Sehbrille, Kontaktlinsen oder eine Operation müssen schwächelndes Sehvermögen dann ausbügeln.
Ohne diese Hilfsmittel würde es für Kurzsichtige ganz schlecht aussehen. Optikermeister Helmut Schernthaner von Miller Optik in Innsbruck hat dafür die passenden Zahlen: „Schon bei leichter Kurzsichtigkeit von einer Dioptrie sieht man ohne Sehbehelf nur noch einen Meter weit scharf.“ Nach 60 Zentimetern beginnt die Welt vor Augen zu verschwimmen. Bei einer mittleren Myopie (fünf Dioptrien) ist eine Sehschärfe ohne Brille bis 20 Zentimeter Entfernung möglich, bei starker Kurzsichtigkeit (ab zehn Dioptrien) gar nur noch bis zu einem Zentimeter.
Die Zunahme von Kurzsichtigkeit bestätigt Schernthaner aus seiner beruflichen Praxis. Vor allem im studentischen Alter, Anfang 20, suchen Kunden den Optiker in immer kürzeren Abständen auf: „Sie benötigen einen neuen, stärkeren Sehbehelf.“
In dieser Altersgruppe wird das Auge besonders stark aus nächster Nähe strapaziert: viel Lesen, viel Computerarbeit, besonders häufig das Smartphone vor den Augen.
Eine Brille oder Kontaktlinsen zu tragen, ist wahrlich kein Drama. Doch mit der Korrektur von Kurzsichtigkeit ist man keineswegs aller Sorgen ledig. „Je größer die Kurzsichtigkeit eines Menschen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, einen Sehverlust zu erleiden“, formuliert es Augenarzt Reitsamer. Kurzsichtigkeit werde bis 2050 den grauen Star als Hauptursache für Erblindung ablösen.
Ein alarmierender Blick voraus. Und die Medizin versucht entgegenzuwirken. Bestimmte Augentropfen und Linsen können helfen, das Voranschreiten einer Myopie bei Kindern einzubremsen“, berichtet der Klinikchef. Er räumt ein, dass die Datenlage dazu aber noch gering sei.
Jeder kann natürlich auch selbst seinen Augen etwas Entspannung verschaffen. Reitsamer rät Kindern zu täglich einer Stunde Bewegung im Freien bei Tageslicht: „Das ist Balsam für das Auge.“ Auch die Hersteller von Smartphones und Co. nimmt der Arzt in die Pflicht. Diese müssten viel stärker auf die Augenfreundlichkeit ihrer Geräte achten.