Weniger Arbeitslosigkeit im Mai, IV will 12-Stunden-Tag
Die Arbeitslosigkeit sank im Mai um 2,7 Prozent, für ältere Jobsuchende bleibt die Situation jedoch schwierig. Sozialminister Stöger pocht auf die Aktion 20.000 und den Beschäftigungsbonus und spricht sich gegen ein Hartz-IV-Modell in Österreich aus.
Wien – Während sich die Arbeitsmarktlage insgesamt im Mai wieder etwas verbessert hat, bleibt es für Ältere bei der Jobsuche schwierig. Die Zahl der Arbeitslosen über 50 Jahren ist um 4,2 Prozent auf 97.795 Personen gestiegen. Zuwächse gab es auch bei arbeitslosen behinderten Personen (+6,7 Prozent auf 12.692) und Langzeitarbeitslosen, die über 12 Monate vorgemerkt sind (+8,0 Prozent auf 58.983 Personen).
Die Zahl der Arbeitslosen ist Ende Mai in allen Bundesländern rückläufig. Der größte Rückgang war in der Steiermark mit 10,3 Prozent zu verzeichnen, gefolgt vom Burgenland mit 8,3 Prozent und Kärnten mit 7,4 Prozent. In Wien liegt die Zahl der vorgemerkten Arbeitslosen um 3,7 Prozent unter dem Vorjahreswert. Den geringsten Rückgang verzeichnet Niederösterreich mit 1,5 Prozent. In der Bundeshauptstadt gab es mit 118.866 vorgemerkten Arbeitslosen und 33.445 Schulungsteilnehmern zusammen über 152.000 Personen ohne Job.
Deutlich mehr offene Stellen
Stark zugenommen hat die Zahl der dem AMS gemeldeten offenen Stellen: Ein Plus von 43,9 Prozent bzw. 18.267 Jobangeboten gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Bestand der beim Arbeitsmarktservice gemeldeten Stellen beträgt nunmehr 59.858. Zahlenmäßig die meisten offenen Stellen bietet Oberösterreich mit 15.996 an, der stärkste prozentuelle Zuwachs an Jobangeboten war in Niederösterreich mit plus 80,4 Prozent zu verzeichnen.
Positiv entwickelte sich auch der Lehrstellenmarkt. So liegt die Zahl der Lehrstellensuchenden Ende Mai 2017 um 6,4 Prozent unter dem Vorjahreswert, während der Bestand an gemeldeten offenen Lehrstellen um 32,6 Prozent zugenommen hat. Den 4.647 Lehrstellensuchenden stehen 4.272 betriebliche Lehrstellen gegenüber. Die meisten Lehrstellensuchenden gab es in Wien mit 1.470 Personen, die meisten offenen Lehrstellen hingegen in Tirol mit 837 Angeboten.
Stöger will Älteren neue Perspektiven geben
Für Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) sind die Zahlen eine Bestätigung der Trendwende der letzten Monate. Neben den „sehr positiven Entwicklungen, etwa bei Jugendlichen“ gebe es auch Entwicklungen, auf die man dringend reagieren müsse. „Das betrifft insbesondere die schwierige Arbeitsmarktsituation für ältere Arbeitssuchende über 50 Jahre. Sie haben oft ihr ganzes Leben hart gearbeitet und suchen nun schon seit über einem Jahr verzweifelt nach Arbeit. Diese dürfen wir nun nicht respektlos mit der Einführung eines Hartz-IV-Modells in Österreich bestrafen. Ich will ihnen im Gegenteil mit der Aktion 20.000 und dem Beschäftigungsbonus so schnell wie möglich zu neuen Perspektiven in ihrem Leben verhelfen“, so Stöger in einer Aussendung. Die Aktion 20.000 soll Langzeitarbeitslosen über 50 Jahren 20.000 Jobs in Gemeinden oder öffentlichen Einrichtungen vermitteln.
„Die Trendwende ist da“
Der Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS), Johannes Kopf, sieht durch die erneut gesunkenen Arbeitslosenzahlen die Trendwende am Arbeitsmarkt bestätigt. „Die Trendwende ist es, da bin ich sicher“, meinte Kopf am Donnerstag im Ö1-Mittagsjournal des ORF-Radio. „Die Zahlen verbessern sich von Monat zu Monat, aber die Herausforderungen sind noch groß.“
Probleme gebe es insbesondere bei der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung, Älteren und Langzeitarbeitslosen. Angesprochen auf die Flüchtlinge, die erst nach abgeschlossenem Asylverfahren langsam auf den Arbeitsmarkt kommen, meinte Kopf, er wünsche sich schnellere Verfahren. „Integration ist leichter, wenn die Verfahren kurz dauern.“ Künftig sei schon eine Intervention auch während des Asylverfahrens geplant.
Die abnehmende Arbeitslosigkeit bei Jüngeren sei einerseits durch die anziehende Konjunktur, andererseits durch die Demografie zu erklären. „Es gibt einfach weniger Junge, daher tun sich Junge leichter einen Job zu finden.“ Je besser die Qualifikation sei, desto nachhaltiger die Beschäftigungsintegration. Personen mit Pflichtschule fänden schwer eine Lehrstelle, bei Akademikern werde in manchen Bereichen nur prekäre Projektarbeit angeboten - insgesamt sei die Qualifikation aber wesentlich für einen guten Job.
„Weniger die Frage des Anreizes“
Die Aktion 20.000 ziele auf die über 50-Jährigen Langzeitarbeitslosen, die es bei der Jobsuche besonders schwer hätten. „Ich gehe davon aus, dass das beschlossen wird“, meinte Kopf. Das AMS stecke in den Vorbereitungen und sei für die geplanten Modellregionen ab 1. Juli bereit.
Angesprochen auf die Debatte um eine Einführung des deutschen Hartz IV-Modells in Österreich meinte Kopf, Österreich habe wie kaum ein Land mehr unbefristete Leistung aus der Arbeitslosenversicherung, nämlich Arbeitslosengeld und Notstandshilfe. Theoretisch könnte jemand nach einem Jahr Arbeit bis zur Pension Notstandshilfe beziehen. In der Debatte gehe es ihm weniger stark um die Frage des Anreizes zu arbeiten, sondern um die Frage, welche Leistungen soll die Arbeitslosenversicherung erbringen und welche Leistung kommt aus Steuergeldern. Er habe vorgeschlagen, anfangs höheres Arbeitslosengeld zu zahlen und es später zu senken. Wenn man die Notstandshilfe abschaffen würde, müsste man das Arbeitslosengeld verlängern, weil das in Österreich nicht lange gezahlt werde, so der AMS-Vorstand.
Sozialpartner weiter uneins
Die Wirtschaftskammer (WKÖ) will die positive Wende am Arbeitsmarkt nutzen, um den Betrieben die Schaffung von Beschäftigung zu erleichtern. Denn im EU-Vergleich der Arbeitslosenquoten rutsche Österreich immer weiter zurück, so Martin Gleitsmann, Leiter der sozialpolitischen Abteilung in der WKÖ. „Während Österreich vor einem Jahr noch den 6. Platz einnahm, sind wir jetzt nur mehr an 10. Stelle hinter Ländern wie Rumänien und Estland.“
Von der Industriellenvereinigung (IV) kommt ebenfalls der Verweis auf die EU-Länder. „Während Österreich vor vier Jahren noch die geringste Arbeitslosenquote in der gesamten Europäischen Union verzeichnete, rutschen wir nach den jüngsten EU-Daten auf den zehnten Platz - weit hinter die Spitzenreiter Tschechien und Deutschland - zurück. Wir dürfen den wirtschaftlichen Aufschwung in der EU nicht an uns vorbeiziehen lassen“, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. Zur Stärkung des Industriestandorts fordert er unter anderem die Anhebung der möglichen Tageshöchstarbeitszeit bei Gleitzeit auf zwölf Stunden.
Der ÖGB sieht Österreichs Wirtschaftspolitik auf dem richtigen Weg. „Die Wirtschaft wächst, nun müssen wir darauf schauen, dass alle Menschen in Österreich etwas davon haben“, sagt Bernhard Achitz, Leitender Sekretär des ÖGB. Anzusetzen sei beim Bildungssystem ebenso wie bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik, bei öffentlichen Investitionen und bei der Verkürzung der Arbeitszeit. Es gebe aber immer noch viel zu viele Menschen, die keine Arbeit finden.(APA, TT.com)