Umsatz von Wiens Börse soll bis 2020 knapp ein Drittel wachsen

Wien (APA) - Die Wiener Börse hat sich eine neue Strategie verpasst. Vorweg: Sie wird nicht verkauft, nicht ins Ausland verlegt und hat nach...

Wien (APA) - Die Wiener Börse hat sich eine neue Strategie verpasst. Vorweg: Sie wird nicht verkauft, nicht ins Ausland verlegt und hat nach dem Ausstieg aus einigen Ostbörsen keine neuen Zukäufe vor. Binnen vier Jahren sollen aber die Umsätze der Börse um 30 Prozent steigen, so der Plan. Zum Handel mit internationalen Top-Aktien gibt es ein neues Segment. Und man hofft, Börsenaspiranten für Wien zu gewinnen.

Österreichische Investoren tragen ihr Anlagekapital zu weiten Teilen ins Ausland. Die Börse will nun jedenfalls, dass die Handelsgeschäfte dazu im Inland statt finden, also auch die Gebühren hier bleiben. Gestern erfolgte der Marktstart im Segment „Global Makets“. Beginn war mit dem Handel der wichtigsten US-Aktien - also aller Aktien des Dow Jones und der Nasdaq 100, in Summe 130 Titel. „Das ist der Anfang“, sagt Börsechef Christoph Boschan. In allernächster Zeit werde eng getaktet das internationale Sortiment erweitert.

Zur Zeit läuft der US-Aktienhandel in Wien zu den heimischen Handelszeiten zwischen 9 und 17.30 Uhr. Dass man damit großteils außerhalb der US-Börsezeiten liegt, ist für die Wiener Börse kein kritischer Punkt. Hochliquide Titel werden weltweit rund um die Uhr gehandelt.

Der Aktienhandel ist das Hauptgeschäft der Börse Wien. Bei österreichischen Aktien hat sie 75 Prozent des Marktes. „Mit dieser Marktstellung sind wir für eine Nationalbörse außergewöhnlich wettbewerbsfähig“, so Boschan bei einer Präsentation Mittwochabend in Wien. Wachsen will der Wiener Börsebetreiber zudem im Datenvertrieb, in der Indexberechnung und bei IT-Services. Der Aufbau des globalen Vertriebs und weiterer Infrastruktur werde im laufenden Vierjahresprojekt aus dem laufenden Cash flow finanziert.

Dabei sieht sich die Börse AG in einer ähnlichen Position wie ein Flughafen. Der baue die Start- und Landebahnen. Wieviel geflogen werde, liege dann an den Airlines und am sonstigen Umfeld. Das politische Umfeld für Börse und Kapitalmarkt sieht die Wiener Börsespitze aber mehr als ausbaufähig. Die konkreten Wünsche an die künftige Regierung beginnen für Boschan schon damit, „dass wir uns überhaupt einen Plan für den Kapitalmarkt wünschen.“ Gefordert werden Steuererleichterungen, Reparaturen am „wegregulierten“ kleinsten Marktsegment, Förderung der Mitarbeiterbeteiligung und Pensionsvorsorge und ganz generell ein politisches Bekenntnis zu Kapitalmarkt und Finanzbildung. Dass die Bezieher höherer Einkommen meistens Aktien besäßen und in den niedrigeren Einkommensklassen niemand, wirft für die Börsenchefs im Vermögensaufbau Verteilungsfragen auf.

Mit 115 Mrd. Euro hat die Marktkapitalisierung Ende Mai den höchsten Stand seit 2008 erreicht. Der Monatsumsatz in Aktien im Mai 2017 brachte mit 7,4 Mrd. Euro den höchsten Monatsumsatz seit 2011. Jeder elfte Job in Österreich hängt an einem börsennotierten Konzern, das sind mehr als 400.000 Arbeitsplätze. Ein funktionierender Kapitalmarkt wird, so Börse-Aufsichtsratschef Heimo Scheuch (Wienerberger), immer wichtiger. Das mögen alle Entscheidungsträger in Österreich beachten. International sei die Wiener Börse hoch angeschrieben. Dass man hingegen in Österreich dazu neige, alles schlechtzureden, ist für Scheuch ein Ärgernis.

Der Finanzplatz Österreich sei zwar klein, aber fein, erklären die Börsenchefs. Um bei der Börsenkapitalisierung gemessen am BIP (aktuell: 38 Prozent) auf den im Schnitt doppelt so hohen Wert anderer westeuropäische Länder aufzuholen, muss dem Gegenwind getrotzt werden. Große heimische Firmen, die sich mit Börseplänen tragen, sollen vom Weg nach Frankfurt oder London abgehalten werden.

Seit 2012 haben sich 18 Firmen von der Wiener Börse verabschiedet, die Zahl der börsennotierten Unternehmen sank damit von 103 auf 85. Das war laut Boschan an anderen Börsen in Europa und USA ähnlich. Als Hauptgrund macht er die niedrigen Zinsen aus, die Fremdkapitalfinanzierungen sehr billig gemacht haben.

~ WEB http://www.wienerborse.at ~ APA212 2017-06-01/11:46