10 Jahre Krise - Chronologie: Juni und Juli 2007
Wien (APA) - Vor zehn Jahren brach in den USA ausgehend vom Immobilien- und Hypothekenmarkt die Subprime-Krise um zweitklassige Hypothekenda...
Wien (APA) - Vor zehn Jahren brach in den USA ausgehend vom Immobilien- und Hypothekenmarkt die Subprime-Krise um zweitklassige Hypothekendarlehen aus. Hypothekenbanken konnten Milliarden nicht mehr an ihre Gläubiger zurückzahlen. Die Krise weitete sich in der Folge zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise aus, auf deren Höhepunkt im Herbst 2008 die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers stand.
Zuvor, in den Jahren 2003 bis 2007, wurden in den USA mit Immobilien besicherte Hypothekarkredite im Ausmaß von 7.000 Mrd. US-Dollar (aktuell rund 6.300 Mrd. Euro) vergeben, das war mehr als der Wert des gesamten US-Staatsanleihenmarktes.
Die folgende Chronologie der Ereignisse von vor zehn Jahren behandelt die Monate Juni und Juli 2007. Einen ersten Teil, der die Entwicklungen von Jahresbeginn 2006 bis März 2007 betrachtet, hat die APA am 3. März versandt, der zweite Teil - April bis Mai 2007 - folgte am 13. April.
6. Juni 2007: Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöht den Leitzins auf 4 Prozent, den höchsten Stand seit 6 Jahren. Als Grund nennt die Notenbank den überraschend starken Wirtschaftsaufschwung, der Inflationsrisiken mit sich bringe.
14. Juni 2007: Der zweitgrößte US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac gerät wegen Wertberichtigungen in die roten Zahlen.
Die US-Investmentbank Bear Stearns erleidet einen unerwartet deutlichen Gewinneinbruch. Dagegen bleibt der Konkurrent Goldman Sachs von der Krise am US-Hypothekenmarkt noch verschont.
21. Juni 2007: Mehrere Banken ziehen sich aus den angeschlagenen Hedgefonds von Bear Stearns zurück.
24. Juni 2007: Bear Stearns bewahrt mit Milliardenkrediten zwei seiner Hedgefonds vor dem Kollaps. Es ist dies die größte Rettungsaktion seit der Krise beim Hedgefonds Long-Term Capital Management, der 1998 fast zusammengebrochen wäre.
28. Juni 2007: Die US-Notenbank Fed lässt den Leitzins unverändert bei 5,25 Prozent. Die US-Wirtschaft wuchs im ersten Quartal 2007 so langsam wie seit vier Jahren nicht mehr.
5. Juli 2007: Die EZB lässt ihren Leitzins bei 4,00 Prozent. EZB-Chef Trichet stimmt auf weitere Zinserhöhungen im Herbst ein. Die Bank von England (BoE) erhöht ihren Leitzins auf das Sechs-Jahres-Hoch von 5,75 Prozent.
6. Juli 2007: UBS-Chef Peter Wuffli nimmt überraschend seinen Hut. Vermutet werden große Verluste im US-Investmentbanking.
9. Juli 2007: Banken könnten weltweit wegen der US-Hypothekenkrise nach Einschätzung der Credit Suisse bis zu 52 Mrd. US-Dollar verlieren. Der größte Teil dürfte auf Hedgefonds entfallen.
10. Juli 2007: Die Ratingagenturen Moody‘s und Standard & Poor‘s (S&P) warnen vor steigenden Risiken bei zweitklassigen Hypotheken und schicken damit die weltweiten Aktienmärkte auf Talfahrt. Laut Moody‘s wird die Hypothekenkrise aber nur sehr geringe wirtschaftliche Auswirkungen haben und keine Kettenreaktion auslösen.
12. Juli 2007: Von der US-Immobilienkrise profitiert der Euro. Er steigt auf über 1,38 US-Dollar und damit den höchsten Stand in seiner achteinhalbjährigen Gesichte.
18. Juli 2007: Bear Stearns teilt den Kunden ihrer zwei angeschlagenen Hedgefonds mit, dass ihre Anteile fast völlig wertlos sind. Die drittgrößte US-Bank JP Morgan verdreifacht ihre Rückstellungen für Zahlungsausfälle von mit Immobilien abgesicherten Krediten auf gut 1,5 Mrd. US-Dollar.
US-Notenbankchef Ben Bernanke erklärt vor dem US-Kongress, die US-Wirtschaft werde in der zweiten Jahreshälfte etwas weniger zulegen als in den ersten sechs Monaten und dann 2008 wieder stärker an Fahrt gewinnen. Dennoch könnten viele Faktoren wie etwa die Abkühlung am US-Immobilienmarkt dieses Szenario gefährden. Hauptsorge der Fed blieben aber die Inflationsgefahren.
19. Juli 2007: Der australische Hedgefonds Basis Capital warnt Anleger vor Verlusten von bis zu 50 Prozent, die er im Zuge der US-Immobilienkrise hinnehmen musste.
Die stellvertretenden Finanzminister der USA, Kanadas, Japans, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands (G-7) kommen in Frankfurt zusammen.
Laut Fed-Chef Bernanke werden die zweitklassigen Hypotheken deutliche Verluste nach sich ziehen. Der Schaden summiere sich schätzungsweise auf 50 bis 100 Milliarden Dollar.
Der Dow Jones-Aktienindex der New Yorker Börse schließt erstmals in seiner Geschichte über der Marke von 14.000 Punkten.
23. Juli 2007: Der US-Dollar fällt erneut auf ein Rekordtief.
24. Juli 2007: US-Finanzminister Henry Paulson hält die negativen Auswirkungen der Krise am US-Hypothekenmarkt für eindämmbar. Die signifikante Korrektur am Eigenheimmarkt sei fast abgeschlossen.
Der Euro erreicht mit 1,3852 US-Dollar einen neuen Rekordstand.
25. Juli 2007: Der Hypothekenfinanzierer Countrywide Financial erwartet, dass die Immobilienkrise in den USA bis 2009 anhält.
Japans größter Wertpapierhändler Nomura Holdings erwägt einen Rückzug aus dem angeschlagenen US-Hypothekenmarkt.
EZB-Präsident Trichet begrüßt die Korrektur an den Finanzmärkten, vor allem bei den Risikoaufschlägen für riskante Anleihen, und spricht von einer „gesunden Korrektur“.
27. Juli 2007: Die weltweite Leitbörse New York Stock Exchange erleidet einen der stärksten Einbrüche des Jahres. Der Index fällt um 2,3 Prozent auf 13.474 Punkte. Die Kursverluste wirken sich auch auf die europäischen und lateinamerikanischen Börsen sowie den japanischen Aktienmarkt aus.
Die fünftgrößte US-Bank Wells Fargo zieht sich aus dem Großkundengeschäft mit zweitklassigen Hypothekenkrediten zurück. Die Turbulenzen an den Kreditmärkten verzögern den Verkauf der US-Getränkesparte des weltgrößten Süßwarenkonzerns Cadbury Schweppes.
30. Juli 2007: Die US-Immobilienkrise erfasst die deutsche Bankenbranche. Die Mittelstandsbank IKB veröffentlicht eine Gewinnwarnung und tauscht ihren Chef aus. Die IKB-Titel brechen um bis zu 18,6 Prozent ein. Die staatliche Förderbank KfW greift ihr unter die Arme.
Immofinanz-Chef Karl Petrikovics hält Befürchtungen wegen einer US-Immobilien- und -Kredit-Krise für „extrem übertrieben“. „Der Markt liegt hier falsch. Wir stehen relativ knapp davor, wieder in die Höhe zu gehen.“ Österreichs Banken machen sich noch keine Sorgen. Sie sehen eine Ansteckungsgefahr nur, wenn ganz große US-Banken Probleme bekämen.
31. Juli 2007: Die jüngsten Turbulenzen fordern ihr erstes Opfer in der Oberliga der Hedgefonds. Sowood Capital mit prominenten Investoren wie der Harvard University gibt seine Schließung bekannt. Innerhalb weniger Wochen hat der Fonds mehr als die Hälfte seines Vermögens von ursprünglich 3 Mrd. Dollar verloren.
Die Erste Bank ist vom Subprime-Desaster bis auf 2 Millionen Euro verschont geblieben, sagt ihre Chef, Andreas Treichl. Die Bank werde aus solchen Geschäften kein Geld verlieren, freilich auch keine Gewinne daraus haben.
Die zwei in Not geratenen Bear Stearns-Hedgefonds stellen einen Insolvenzantrag.
(Den ersten Teil der Chronologie inklusive Hintergründe versandte die APA am 3. März 2017 (APA033), den zweiten Teil am 13. April 2017 (APA030))