In der Einsiedelei: Allein, aber nicht einsam
Im zurückgezogenen Leben finden gläubige Eremiten zu Gott. Zu ihnen gehört Schwester Wilbirg. Die gebürtige Mühlviertlerin lebt seit 2009 in der Einsiedelei in St. Johann. Ein Besuch, der überrascht.
Von Miriam Hotter
St. Johann i. T. –Mit leisen Schritten betritt Schwester Wilbirg den Garten, ihre Hand umklammert den Henkel eines Holztabletts. Sanft stellt sie es auf den Boden, bevor sie sich auf einen Klappstuhl niederlässt. Schwester Wilbirg hat eine Flasche Wasser und Melisse-Ananasminze-Sirup mitgebracht. „Den habe ich selbst gemacht“, sagt die freundliche Frau mit den hellblauen Augen.
Gäste sind bei Schwester Wilbirg willkommen, auch wenn sie das Alleinsein vorzieht. Die gebürtige Mühlviertlerin lebt seit 2009 als Eremitin in der Einsiedelei „Maria Blut“ am Fuße des Niederkaisers in St. Johann. Hier oben ist es ruhig, die Luft riecht nach feuchter Erde und gemähtem Gras. „Ich bin sehr gerne hier“, sagt Schwester Wilbirg, die dem Orden der Kreuzschwestern angehört. Fehlen würde ihr nichts: Strom und fließend Wasser gebe es hier schon seit einiger Zeit. „Und ich habe sogar ein Radio.“
Zweimal in der Woche verlässt sie ihr Zuhause und geht ins Dorf, um dort die Messe zu besuchen und Lebensmittel einzukaufen. Ansonsten verbringt sie ihre Zeit auf der Einsiedelei, mit Arbeit und mit Gott. Zwischen dreieinhalb und vier Stunden pro Tag verbringe sie mit Beten. Dafür zieht sie sich oft in die Kapelle der Einsiedelei zurück. Etwas ganz Besonderes stellt dort das Hochaltarbild dar. „Es zeigt eine so genannte Maria-Steinwurf-Darstellung, die auf ein Bild in der Wallfahrtskirche von Re zurückgeht“, erklärt Schwester Wilbirg. Dazu berichtet sie aus dem Kirchenführer von Re, hier nur kurz angeführt: An der Außenwand der kleinen Mauritiuskirche befand sich ein Fresko der Madonna mit dem Jesuskind. Eines Tages hat ein Mann bei einem Würfelspiel viel Geld verloren. Aus Zorn hat er einen Stein gegen das Bild geworfen und traf die Madonna an der Stirn, und bald begann Blut aus der Stelle zu tropfen. Angeblich hat das Fresko von April 1494 bis zum Mai desselben Jahres immer wieder geblutet. „Man kann so etwas glauben oder nicht, aber es kann solche Wunder geben“, ist Schwester Wilbirg überzeugt.
Schon als Kind habe sie gewusst, dass sie ihr Leben dem christlichen Glauben widmen möchte. Dass sie einmal als Eremitin leben würde, hätte sie allerdings nie gedacht. „Aber ich habe diese Entscheidung nie bereut“, sagt Schwester Wilbirg, die sich das Leben als Einsiedlerin einsamer vorgestellt hätte.
Freunde, aber auch Wanderer, die an der Einsiedelei vorbeikommen, kommen manchmal zu Besuch. „Vor Kurzem war sogar eine Frau da, die als Kind hier gelebt hat“, erzählt Schwester Wilbirg und weist darauf hin, dass in der Vergangenheit nicht nur Kreuzschwestern die Einsiedelei bewohnt hätten, sondern auch Familien und alleinstehende Menschen, die aber keine Eremiten im herkömmlichen Sinn waren.
Die Einsiedelei wurde zwischen 1991 und 1996 unter der Patronanz der Feller Schützenkompanie generalsaniert. Davor stand das Gebäude eine Zeit lang leer.
Schwester Wilbirg haucht dem Ort wieder Leben ein. Ein Leben, das zwar nicht zur Norm gehört, aber für die Mühlviertlerin alles Glück der Welt bedeutet.