Laura Linney über Trump: „Eine traumatisierende Realität für alle“

Berlin (APA) - An Donald Trump kommt das Ensemble von „The Dinner“ bei Interviews nicht vorbei. Von mangelnder sozialer Verantwortung und We...

Berlin (APA) - An Donald Trump kommt das Ensemble von „The Dinner“ bei Interviews nicht vorbei. Von mangelnder sozialer Verantwortung und Werteverfall handelt Oren Movermans Film - und ruft damit Assoziationen zur Linie Trumps auf. Am Rande der Weltpremiere im Berlinale-Wettbewerb sprach Laura Linney mit Medienvertretern wenige Wochen nach Trumps Inauguration von der neuen, „traumatisierenden“ Wirklichkeit.

Frage: Sie verkörpern in „The Dinner“ Claire Lohman, die für die Vertuschung eines Gewaltverbrechens ihres Sohnes sehr weit geht. Kannten Sie moralisch weniger gefestigte Menschen wie sie, bevor Sie das Drehbuch lasen?

Linney: Ja, ich kenne viele Menschen wie sie. Ich lebe in den USA. (lacht) Aber ich bin nicht so. Einige von ihnen mag ich sogar. Es kann eine richtige Herausforderung sein, wenn man Menschen nahesteht, deren politische Ansichten das absolute Gegenteil von den eigenen darstellen. Oder wenn meine Weltanschauung, ethischen Standards und mein Lebensstil dem Wertesystem von jemandem widersprechen, den ich liebe.

Frage: Wie ist es, um die Welt zu reisen und aktuell immer über Politik reden zu müssen?

Linney: Ich empfinde eine gewisse Form von Verantwortung. Das mag nicht fair sein, ist aber die Realität. Es ist eine sehr traumatisierende Realität, für uns alle. Außer man hat für ihn gestimmt, dann ist es eine Party. Wir leben in einer bedeutsamen Zeit - eine Zeit, die ich in meinem Leben so nie erlebt habe. Dinge, die bisher unvorstellbar schienen, passieren. Und es hat gerade erst begonnen.

Frage: Was sollten wir als Europäer tun: Abwarten und auf das Beste hoffen, oder auf die Straße gehen?

Linney: Ihr solltet immer demonstrieren! Das ist die große Lektion, die wir aus alldem mitnehmen. Wir alle sind Bürger und diese Entwicklung erlegt uns interessanterweise allen eine Bürde auf. Bis jetzt konnte sich jeder in seinen Ansichten mehrdeutig geben. Nun gilt es, unser Glaubenssystem zu schärfen, unsere eigenen Werte zu überprüfen und für sie einzustehen. Und das, ohne dabei respektlos zu sein - was manchen schwerer fällt als anderen.

Frage: Claire Lohman scheint eben nicht fähig dazu, sie ist von ihrer Position nicht abzubringen.

Linney: Ich glaube, sie sieht die Dinge schwarz und weiß. Sie kann zwar liebevoll, gütig und engagiert sein, hat aber eine bestimmte Ansicht. Und es gibt nichts, das ihre Meinung ändern würde.

Frage: Hätte sie für Trump gestimmt?

Linney: Nicht unbedingt. Man darf die Situation nicht unterschätzen: Ich glaube, bis man selbst bedroht ist, kann man nie zu 100 Prozent sicher sein, dass sich die eigenen Taten mit den persönlichen Werten decken. Ich habe mir diese Frage gestellt und ich hoffe, es gibt keine Diskrepanz zwischen dem, was ich intellektuell weiß, und dem, was mein Herz für den richtigen Weg hält. Andererseits haben wir alle eine animalische, instinktive Seite - wer weiß, ob ich nicht zu jemandem werden würde, den ich nicht wiedererkenne? Ich weiß, es ist möglich, gerade als Mutter. Es gibt dieses Wesen (ihren 2014 geborenen Sohn Bennett, Anm.), das ich mehr liebe, als irgendetwas oder -jemanden zuvor. Ich kann mir also nicht ausmalen, wie ich mich verhalten würde, wenn er bedroht wäre. Man hört ja von Müttern, die plötzlich Autos umdrehen. Und ich erlebe es selbst in New York, wenn jemand versucht, mir meine Tasche zu entreißen - ich war erstaunt, wie schnell ich mich umdrehe und in den Kampfmodus wechsle. Das hat mir Angst gemacht.

Frage: Hinter Claires Ansichten steht auch ein Misstrauen in das Justizsystem, das ihren Sohn und dessen Cousin „brechen“ würde. Können Sie das nachvollziehen?

Linney: Ich glaube, es kommt darauf an, woran man glaubt - etwa an die Idee, dass es einen verfolgt und man spirituell schwer beschädigt ist, wenn man seine Sünden nicht anerkennt. Das ist etwas, das die USA, aber auch andere Länder lernen müssen. Deutschland etwa ist das gut angegangen. Südafrika auch - zwar nicht komplett, aber es gibt ein Zugeständnis, einen Willen zur Wiedergutmachung. Allein dieses Zugeständnis macht so viel aus. Wenn das fehlt, man einfach lügt und so tut, als wäre nichts passiert, dann führt das zwangsläufig zu spirituellem, kulturellem und politischem Leid.

Frage: Es geht auch darum, was für eine Art Mensch Claires Sohn ist oder wird, wenn er damit davonkommt?

Linney: Genau! Ich fühle mich schon schuldig, wenn ich jemandem keine Dankes-Karte schreibe. Ich kann mir gar nicht vorstellen, so zu handeln und alles von mir wegzuschieben.

Frage: Es steht die Möglichkeit im Raum, er könnte psychisch krank sein.

Linney: Vielleicht, ja. Er könnte psychisch krank sein, wie sein Vater und schon seine Großmutter. Oder er könnte ein verwöhnter, fauler Kerl ohne Empathie sein. Ob das nun biologisch oder kulturell bedingt ist, weiß ich nicht. Menschen kommen mit vielem davon, aber es wird ihnen früher oder später auf den Kopf fallen.

Frage: Die Dinnerszenen sind bei einem dreiwöchigen Nachtdreh entstanden; in jeden Abend gingen Sie gänzlich ohne Proben. War das ungewöhnlich für Sie - immerhin liegen Ihre Wurzeln in der Theaterarbeit?

Linney: Es hat Spaß gemacht! Was Film nicht hat, Theater aber schon, ist Zeit. Zeit ist ein Element, das die Arbeit beeinflusst. Film ist diese augenblickliche Kombination von Bestandteilen - man beobachtet, wie die Chemie entsteht, und manchmal entsteht sie eben nicht. Hier gab es drei andere Menschen (Richard Gere, Steve Coogan, Rebecca Hall, Anm.), die wirklich wussten, was sie tun, und die sehr gut vorbereitet waren. Es war ein gutes Drehbuch, also waren wir bereit, uns darauf einzulassen und zu sehen, wohin es uns führt. So kann das eine lustige, dynamische Art sein, zu arbeiten. Wenn man jedoch glaubt, man wisse bereits vorher, wie alles laufen soll, wird man am Ende nur frustriert sein.

Frage: Ihr Vater war Dramatiker. Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie sich für den Schauspielberuf entschieden haben?

Linney: Ich wünschte, ich könnte einen spezifischen Moment nennen. Theater hat sich immer wie Zuhause angefühlt. Die Bequemlichkeit stirbt dort bis zu einem gewissen Grad, und für mich fühlt sich das einfach gut an. Ich liebe die Zeit, die Theater braucht, die Hingabe, die es verlangt, den fordernden und den rituellen Aspekt. Nichts macht mich glücklicher, als in einen Raum zu gehen und Klebeband am Boden zu sehen, mit einem alten klapprigen Tisch in der Mitte. (lacht) Ich bin am Theater aufgewachsen, habe schon früh Angebote für Kinder oder Stücke meines Vaters besucht.

Frage: Haben Sie vor, es mit Ihrem Sohn genauso zu handhaben?

Linney: Ja, bestimmt. Mit drei Jahren ist er vielleicht noch ein bisschen jung, aber auch für dieses Alter gibt es bereits Stücke. Wer weiß, zu welcher Person er sich entwickelt und ob er mir ähnelt. Das ist das faszinierende daran, jemanden aufwachsen zu sehen.

(Die Fragen stellte u.a. Angelika Prawda/APA)

(ZUR PERSON: Geboren am 5. Februar 1964 in New York City als Tochter des Dramatikers Romulus Linney, machte Laura Linney frühe Schauspielerfahrungen am Theater. Ihr Kinodebüt gab sie 1992 neben Susan Sarandon in „Lorenzos Öl“. Es folgten viel gepriesene Darstellungen in Familiendramen wie „You Can Count on Me“ und „Die Geschwister Savage“ sowie dem Biopic „Kinsey“. Im Fernsehen tat sie sich u.a. mit Rollen in „Frasier“ und „The Big C“ hervor, am Broadway war sie zuletzt mit Cynthia Nixon in alternierenden Rollen in der Produktion von „The Little Foxes“ zu sehen. Linney ist mehrfache Golden Globe- und Emmy-Preisträgerin und wurde dreimal für den Oscar nominiert.)

(S E R V I C E - www.TheDinner-DerFilm.de)