Trauer und Wut in Afghanistan nach Anschlag
Kabul (APA) - Tausende Afghanen versammelten sich Freitagfrüh, um gegen die Gewalt von Terrorgruppen und die sich verschlechternde Sicherhei...
Kabul (APA) - Tausende Afghanen versammelten sich Freitagfrüh, um gegen die Gewalt von Terrorgruppen und die sich verschlechternde Sicherheitslage zu protestieren. Sie forderten den Rücktritt der Regierung. Die Proteste endeten mit einem erneuten Blutvergießen, nachdem afghanische Sicherheitskräfte auf die Demonstranten schossen.
Zwei Tage lang trauerten die Bürger Kabuls in Stille nach dem verheerenden Anschlag von Mittwochfrüh mit mehr als 100 Toten und hunderten Verletzten. Familien besuchten den Anschlagsort im Diplomatenviertel der Stadt, um gemeinsam zu beten und drückten den Sicherheitskräften ihr Mitleid aus. Bereits am Donnerstagabend war der mehrere Meter tiefe Krater, den die Bombe in die Straße gerissen hatte, wieder zugeschüttet und die gesamte Straße neu asphaltiert; der Ort direkt neben dem Krater war durch ein mehrere Meter hohes grünes Netz verdeckt, das dahinter liegende dreistöckige Gebäude war in sich zusammengefallen.
Mitarbeiter der Stadt hatten die ganze Nacht gearbeitet, um die ausgebrannten Autos und den Schutt von der Straße zu entfernen. Alle Häuser in der Gegend, darunter die deutsche Botschaft, waren jedoch weiter traurige Zeugen der massiven Zerstörung. Vielerorts in Kabul waren Zelte vor den Häusern der Verstorbenen aufgestellt, in denen der Toten gedacht wurde.
Am frühen Freitagmorgen jedoch schlug die stille Trauer in lauten Unmut um. Tausende Demonstranten mit Transparenten, darunter Frauen und Kinder, versammelten sich rund um den Anschlagsort und errichteten Protestzelte. Dazwischen riefen sie „Tod den Taliban, Tod den Haqqanis“, und streckten ihre Fäuste in die Höhe. Das Haqqani-Netzwerk ist jener Flügel der Taliban, die laut dem afghanischen Geheimdienst hinter der Explosion am Mittwoch steht. Die Sprechchöre richteten sich aber auch gegen die internationalen Truppen im Land und gegen die eigene Regierung.
Wadood Abdul war bereits am frühen Morgen unter den Demonstranten. Der 40-Jährige Anwalt und Aktivist der Zivilgesellschaft war mit mehreren Freunden gekommen, um von der Regierung zu fordern, dass sie für Sicherheit im Land sorge und Terrorgruppen keine Amnestie gewähre. Die Fassade des Gebäudes, vor dem sie Position bezogen haben, ist schwer ramponiert, ein meterhoher Scherbenhaufen liegt davor.
„Unsere Politiker sollen das, was wir in den vergangenen Jahren erreicht haben, nicht an die Kriegstreiber verkaufen“, sagt Abdul und spielt auf die in Afghanistan verbreitete Meinung an, dass solch massive Anschläge wie am Mittwoch ohne Koordination mit korrupten Regierungskräften doch nicht möglich sein könnten. Er wisse schon nicht mehr, was bei ihm überwiege: Die Trauer darüber, dass er erneut einen Freund verloren hat, oder die Wut über die Ohnmacht, dass trotz massiver Präsenz von Sicherheitskräften solche Anschläge nicht verhindert werden können. Dass am Ende des Tages mindestens acht weitere Menschen ihr Leben durch Kugeln der Sicherheitskräfte verloren haben, tue ihm unendlich leid. „Wir kamen, um friedlich zu demonstrieren, doch schon wieder müssen wir einen Tag tiefer Trauer erleben.“
Der Polizeichef von Kabul, Hassan Shah Frogh, erklärte, mehrere Demonstranten hätten Waffen getragen, auf die Polizei geschossen und dabei vier Polizisten verletzt. Daraufhin hätte die Polizei, nach Warnschüssen in die Luft, das Feuer erwidert. Lokale Fernsehstationen zeigten Aufnahmen, wie Demonstranten sich zu Boden warfen und Schutz suchten. Anderen Berichten zufolge hätten Demonstranten auch versucht, zum Präsidentenpalast vorzudringen. Den ganzen Nachmittag waren im Zentrum der Stadt Gewehrsalven zu hören.
Später errichteten Demonstranten rund um ein Krankenhaus, in das die Verwundeten gebracht wurden, Barrikaden. Erst am Vortag hatten die Ärzte in dem Spital mehr als 50 Operationen an den Schwerverletzten des Bombenanschlags durchgeführt. Die Demonstranten dort zeigten sich wutentbrannt. „Als ob es nicht reichen würde, dass so viele von uns vom Feind getötet wurden“, sagt Habib Khan, ein 23-jähriger Student. „Jetzt wendet sich auch noch die Regierung gegen uns.“ Dabei sei er auch zur Demonstration gegangen, um die Sicherheitskräfte zu unterstützen.
Der Protest war die erste große Demonstration in Kabul seit Juli vergangenen Jahres, als mehrere Tausend Menschen gegen die von der Regierung geplante Verlegung einer Stromleitung auf die Straße gingen. Zwei Selbstmordattentäter detonierten Sprengstoffwesten innerhalb der Menge und rissen mehr als 90 Menschen mit in den Tod.