Justiz und Kriminalität

Luciles Mörder in Haft: Er tötete auch in Deutschland

Ein kriminalistisches, länderübergreifendes Puzzlespiel der Polizei führte zur Aufklärung der beiden Mordfälle Lucile und Carolin: Groß war gestern das Medieninteresse bei der Pressekonferenz in Endingen.
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Ein 40-jähriger Lkw-Fahrer soll für den Mord an Lucile in Kufstein verantwortlich sein. Die Indizien sind erdrückend. Der Mann streitet die Tat ab.

Von Marco Witting

Endingen –Zwei junge Frauen werden brutal ermordet. Zwei junge Menschen, die noch alles vor sich hatten – Ziele, Hoffnungen, Wünsche –, werden plötzlich und gewaltsam aus dem Leben gerissen. Grausam getötet. Sexuell missbraucht. Zweimal geschieht dies an einem Sonntag. Zweimal nahe einer Autobahn. Zweimal in der Nähe von Kleinstädten, in denen sich das Sicherheitsgefühl vieler Menschen danach dramatisch verschlechterte. Zwei Zufallsopfer. Zweimal derselbe Täter.

Seit Freitagnachmittag, so sind sich die Behörden in Tirol und in Deutschland sicher, ist dieser Täter gefasst. Dringend tatverdächtig: ein 40-jähriger Lkw-Fahrer aus Rumänien, der im Großraum Endingen/Deutschland gewohnt und gearbeitet hat. Er soll in Kufstein im Jänner 2014 die französische Studentin Lucile ermordet haben. Und im vergangenen November in Freiburg Carolin G., die auf einer Joggingrunde war, getötet haben.

Spur 4334. Die 4334. Spur habe zum Täter geführt, erklärte gestern der zuständige Polizeipräsident. Bis es zu dieser Spur kam, war es vor allem für die Tiroler Ermittler ein langer, langer Weg.

„Es gab nur wenige Anhaltspunkte und eine schlechte Spurenlage“, erklärte LKA-Chef Walter Pupp. Eine ähnliche Ausgangslage auch in Freiburg. Der Chef der dort eingerichteten Sonderkommision SOKO Erle, Richard Kerber, sprach von „monatelanger akribischer Kleinarbeit“, unter hohem Druck und hoher Belastung. Und da wie dort führte eine DNA-Spur zu einem ersten Erfolg. An beiden Tatorten waren Spuren des Täters gesichert worden. Sie waren so schlecht, dass man sie in keine Datenbank geben konnte. Doch ein Abgleich war möglich. Und nachdem sich die Tiroler Ermittler schon in Südtirol und Bayern für ähnliche Fälle interessiert hatten, wurde man in Freiburg fündig. Am 17. Jänner 2017 war klar: Jener Täter, der in Kufstein Lucile ermordet hatte, war auch am Tatort in Süddeutschland.

Das kriminalistische Puzzlespiel ging weiter. 50.000 Datensätze der Lkw-Maut in Kufstein vom Tatzeitraum 2014 wurden gesichtet und eingegrenzt. Zudem wurde die Tatwaffe, die Spezialtaucher in Kufstein aus dem Inn gezogen hatten, untersucht. Die Hubstange eines Lkw wurde dem entsprechenden Fabrikat zugeordnet. Damit konnte der Kreis der möglichen Täter weiter eingegrenzt werden. Kerber: „Wir haben dann entsprechende Speditionen angeschrieben, welche Mitarbeiter im Einsatz waren, und vergangenen Mittwoch einen ersten Hinweis erhalten.“ Fortan verdichteten sich die Indizien gegen den Rumänen. Er fuhr privat ein Auto, das beim Endinger Fall gesehen wurde. Sein Handy war zudem am Tatort zum möglichen Tatzeitpunkt eingeloggt. Das positive Ergebnis eines Speicheltests führte dann zur Verhaftung. Gestern wurde über den Mann die Untersuchungshaft verhängt. Allerdings nur zum Fall in Freiburg, wie der leitende Staatsanwalt gestern feststellte. Aus rechtlicher Sicht ist es nicht möglich, einen Ausländer für eine Tat im Ausland an einer Person, die zudem ebenfalls nicht aus diesem Land stammt, anzuklagen. „Es wird dann ein zweites Ermittlungsverfahren geben. Und natürlich ist es relevant für beide Fälle, dass es ähnliche Taten in einem anderen Land gibt“, erklärte Staatsanwalt Dieter Inhofer. Der Rumäne wurde an seinem Arbeitsplatz verhaftet und leistete keinen Widerstand. Er bestreitet alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Vergewaltigung und des Mordes. Es gilt die Unschuldsvermutung. In den beiden betroffenen Städten, sowohl in Kufstein als auch in Endingen, atmete man gestern trotzdem auf. Die Angst, die Ungewissheit, sie hat für viele ein Ende. Endingens Bürgermeister brachte bei der Pressekonferenz, zu der aber auch die Bevölkerung geladen war, die Stimmung beider Städte wohl auf den Punkt. „Uns allen fällt ein großer Stein vom Herzen. Doch unter diesem Stein wird die Narbe sichtbar, die diese Tat verursacht hat. Jetzt kann aber die Zeit beginnen, wo diese Narbe heilen kann.“

Für die Kriminalisten ist der Fall aber noch nicht abgeschlossen. Die Spurenlage wird noch weiter untersucht. „Es muss auch geschaut werden, ob es noch weitere Taten gibt“, erklärte Pupp. Allgemein betont wurde die „hervorragende Zusammenarbeit“ zwischen den Behörden. Ohne das jeweilige Gegenüber wäre der Fall wohl nicht gelöst worden, war man sich einig. Die verbreiteten Phantombilder würden laut den Behörden zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Täter aufweisen. Eine Identifizierung anhand beider Bilder wäre aber nicht möglich gewesen.

In zwei Familien beginnt jetzt wohl die Aufarbeitung dieser Tragödien. Und wohl in zwei Prozessen wird die Frage nach einem möglichen Motiv für die schrecklichen Taten gestellt werden.

Spurensicherung am Inn: In der Nacht von 11. auf 12. Jänner 2014 wurde die junge Französin Lucile ermordet.
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