Geschichten aus der Hölle: Arbeitslager in Nordkorea, Teil 2

Sie hungern, werden gefoltert, willkürlich ermordet: Rund 150.000 politische Gefangene sitzen in Arbeitslagern in Nordkorea fest. Die Zustände sind menschenverachtend, erinnern an den 2. Weltkrieg. Auch der US-Student Otto Warmbier musste durch diese Hölle gehen. Sein Tod lässt die alltäglichen Gräuel nur erahnen. Ehemalige Gefangene brechen ihr Schweigen. Wir erzählen ihre Geschichten.

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(Symbolbild)
© iStock

Von Tamara Stocker

Innsbruck/Pjöngjang – Es sind lähmende Schmerzen, die Jung Guang-il fast das Leben rauben. Die „Taubenfolter“ zwingt ihn dazu, tagelang in einer Position auszuharren, in der er weder stehen noch sitzen kann. Seine Hände sind am rücken zusammengebunden und an einem niedrigen Eisengitter an der Wand befestigt. Er muss in die Zelle urinieren. Er wird der einzige seiner zwei Mitgefangenen sein, der diese Tortur überlebt. Nach neun langen Monaten. Und das nur, weil er ein Geständnis ablegt. Für ein Verbrechen, das er nie begangen hat. Was der damals 36-Jährige nicht weiß: Das Schlimmste steht ihm noch bevor.

In Nordkorea gibt es kein Gericht im üblichen Sinne. Fast niemand bekommt einen Prozess. So auch Jung-Guang-il. Als er in der Nacht auf den 22. Juli 1999 in einen unterirdischen Verhörraum gesteckt wird, wirft man ihm drei Vergehen vor: Verrat von Staatsgeheimnissen, Spionage für Südkorea und Kritik am System. Weil er beruflich, als Leiter einer Handelsfirma, in China zu tun hatte.

Wer auf Zeitungen tritt, ist ein Staatsfeind

Die Gründe für eine Inhaftierung sind oft nichtig. Man gilt bereits als Staatsfeind, wenn man versehentlich auf ein Blatt Zeitungspapier tritt, das den Machthaber zeigt. Oder es zerreisst. Es reichen allgemeine Bemerkungen über die nordkoreanische Ordnung, etwa wenn jemand sagt, dass es unter Kim il-Sung, dem Großvater des jetzigen Führers Kim Jong-Un, mehr zu essen gab. Oder wenn jemand witzelt, dass der Diktator „gerne die Frauen genießt“. Behinderte Menschen werden inhaftiert, weil deren Erbanlagen vom Regime als minderwertig angesehen werden. Auch Homosexuelle und „Ausländer“ aus China oder Südkorea zählen nicht zu der „überlegenen Rasse“, die der Machthaber formen will.

Diese Skizze zeigt die Folter in "Taubenposition". Ein ehemaliger Gefangener hat einige Zeichnungen aus dem Lager geschmuggelt (siehe Bildergalerie).
© United Nations/Human Rights

Von vielen Fällen erfahren die Behörden durch ein Orwell‘sches System der Bespitzelung. Unter den politischen Gefangenen sind viele Unschuldige, die Opfer von Intrigen und Verleumdung wurden. So auch Jung, der von einem ehemaligen Klassenkameraden mit guter Mine zum bösen Spiel reingelegt wurde.

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In der Verhörzelle zwingen ihn Wärter, sich schuldig zu bekennen. Als er sich weigert, schlagen sie ihm die Zähne aus. Mit einem Knüppel wird er am ganzen Körper misshandelt. Während der Zeit in der Zelle verliert er drastisch an Gewicht, er wiegt nur noch 38 Kilo von einst 75. Erst nach neun Monaten der Qual und Folter wird er gestehen. Um zu überleben.

600 Gramm essen pro Tag, wenn die Leistung stimmt

In diesem Zustand kommt er im April 2000 im Straflager Yodok, auch Lager 15 genannt, an. Dort warten täglich 15 Stunden Schwerstarbeit auf ihn. Auf einem 1400 Quadratmeter großen Acker muss er Unkraut jäten. Wenn er sein Arbeitspensum schafft, bekommt er 600 Gramm Essen. Meist etwas Mais oder Sojabohnen. Wenn nicht, wird die ohnehin dürftige Ration gekürzt oder gar gestrichen. Jung wird nie satt. Er hat ständig Hunger. Kann deshalb nicht schlafen. An die 250 Menschen sieht er während seiner Zeit im Lager vor Hunger oder Erschöpfung sterben.

Abends, zwischen 21 und 22 Uhr, findet die politische „Umerziehung“ statt. Er muss unter anderem die Lehren von Kim Il-Sung lernen, darf nicht schlafen, ehe er sie auswendig kann. Es ist Gehirnwäsche, die „falschen Gedanken“ werden ausgemerzt, aus den Gefangenen sollen neue Menschen werden.

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* In Teil 1 der Serie „Geschichten aus der Hölle“ geht es um Shin Dong-hyuk , der in einem Straflager geboren wurde und nach 23 Jahren flüchten konnte: http://bit.ly/2sYwDVj

In Yodok leben die Gefangenen in staubigen Hütten mit Wänden aus getrocknetem Schlamm. 30 bis 40 Häftlinge müssen hier zusammengepfercht auf engstem Raum auf dem Boden schlafen. So etwas wie Hygiene gibt es nicht, alles ist von Läusen, Flöhen und Insekten befallen. 200 Häftlinge müssen sich eine Toilette teilen. Die Dächer sind undicht. Geheizt wird auch bei Minus 20 Grad nicht.

Wer im Winter stirbt, wird erst im Frühling verscharrt

Der Winter ist zugleich ein Todesurteil für viele. Bei Holzarbeiten in den Bergen lassen viele ihr Leben, weil sie es nicht schaffen, die schweren Baumstämme ins Tal zu ziehen. Sie werden einfach liegengelassen und verhungern. Die Wärter finden das lustig.

Die winterlichen Bedingungen mit Frost und Schnee machen es unmöglich, Gräber zu schaufeln. Die leblosen Körper werden in eine Lagerhalle gebracht. Als Jung die Halle Ende März betritt, steigt ihm beißender Geruch in die Nase. Die verwesten Leichen sind von Fliegen übersät und von Ratten zerfressen. Er muss sie wie Müll verscharren. Niemand weiß, wer diese Menschen sind.

Ab April beginnt wieder die Arbeit auf Feldern und Äckern. Jung muss Mais anbauen. Die Samen sind mit Stuhlgang gedüngt, um zu verhindern, dass Gefangene sie stehlen. Viele essen sie trotzdem. Um irgendwie an Fleisch zu kommen, fangen sie wilde Tiere wie Ratten, Schlangen, Frösche oder Würmer. Um nicht aufzufliegen, verspeisen sie sie oft roh, ohne die Haut zu entfernen.

Immerwährender Albtraum

Am 14. April 2005 wird Jung von seiner Qual erlöst. Er hat das Gefühl, dass für jeden im Voraus festgelegt ist, wie lange er im Lager bleiben muss. Ohne, dass man selber etwas davon weiß. Zwei Monate vor seiner Entlassung muss der mittlerweile 42-Jährige einen Eid ablegen, „draußen“ nichts über das Lagerleben zu erzählen. Andernfalls könnte er wieder verhaftet werden.

Aber Jung hat nicht geschwiegen. Er fühlt sich von seinem Land verraten. Er kehrt Nordkorea den Rücken, trifft in China seine Familie wieder. Von dort aus hilft er seinen Landsleuten bei der Flucht. Mittlerweile lebt er in Südkorea. Er ist heute Kopf einer Organisation, die sich für die Abschaffung der Straflager einsetzt, arbeitet eng mit Menschenrechtsorganisationen zusammen, denen er auch seine Geschichte erzählt. Doch auch wenn der Albtraum vorbei scheint, ist er in schlaflosen Nächten noch allgegenwärtig.

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Der ehemalige Gefangene Kim Kwang Il schmuggelte diese Zeichnungen eines Mannes namens Kwon Hyo Jin aus einem nordkoreanischen Lager und übergab sie der UN-Untersuchungskommission.

Der ehemalige Gefangene Kim Kwang Il schmuggelte diese Zeichnungen eines Mannes namens Kwon Hyo Jin aus einem nordkoreanischen Lager und übergab sie der UN-Untersuchungskommission.

© United Nations/Human Rights

Wie authentisch diese sind, lässt sich nicht überprüfen, allerdings decken sich die Dokumente mit den Berichten der ehemaligen Häftlinge.

Wie authentisch diese sind, lässt sich nicht überprüfen, allerdings decken sich die Dokumente mit den Berichten der ehemaligen Häftlinge.

© United Nations/Human Rights

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