Die katastrophale Situation der Cholera-Erkrankten im Jemen

Grassierende Armut und eine kaum vorhandene Gesundheitsversorgung: Im Jemen sind bereits mehr als Tausend Menschen an der Cholera gestorben. Begünstigt hat den Ausbruch der Epidemie nicht zuletzt der Bürgerkrieg – und das Einschreiten einer internationalen Koalition.

Die Krankenhäuser in Sanaa sind bereits überfüllt.
© AFP

Sanaa – Nour Mohammed hat Glück gehabt. Die dreifache Mutter konnte sich Geld leihen, um nach Sanaa zu fahren. In einem Krankenhaus in Jemens Hauptstadt hat sie ihre Cholera-Infektion behandeln lassen. Jetzt ist sie auf dem Weg der Besserung. Anders als Nour Mohammed können sich viele Cholera-Kranke allein die Fahrt in eine Klinik schon nicht leisten.

Zu groß ist die Armut in dem Bürgerkriegsland. Die Krankenhäuser wiederum kommen mit der trotzdem hohen Zahl an Patienten kaum noch klar. Ein Gesundheitssystem existiert quasi nicht mehr. Die Epidemie hat bereits mehr als 1300 Menschen das Leben gekostet. Mehr als ein Viertel davon sind Kinder.

Mohammed, Mitte 60, wurde in der Klinik des 22. Mai behandelt, die ausschließlich Cholera-Patienten aufnimmt. Die Zahl der Erkrankten übersteigt die Kapazität des Hauses bei weitem. „Manchmal müssen sich zwei Patienten ein Bett teilen“, erzählt die Leiterin des Hauses, Moschira Ismail. „Wenn alle Betten voll sind, liegen die Patienten auf dem Boden.“

Ausnahmezustand in Sanaa

Die Klinik nehme täglich um die 50 Erkrankte auf. Im Dienst seien aber nur ein Arzt und vier Pfleger, berichtet Ismail. Die meisten Kollegen streikten, nachdem sie monatelang kein Gehalt bekommen hätten.

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Cholera wird von Bakterien verursacht, ruft starken Durchfall und Erbrechen hervor und ist besonders für Kinder, Alte und Kranke lebensbedrohlich. In Sanaa gilt wegen des Ausbruchs seit Mai der Ausnahmezustand.

Ismail beschreibt die Situation in ihrem Haus als „katastrophal“ – vor allem wegen der grassierenden Armut. Einige Patienten könnten sich nicht einmal eine Flasche Wasser kaufen. Viele Erkrankte kämen äußerst geschwächt in der Klinik an.

Ein paar Kilometer weiter südlich hat das ebenfalls auf Cholera-Patienten spezialisierte Krankenhaus Al-Sabin ein Camp im Freien aufgebaut, um Verdachtsfälle zu untersuchen. In einem der Zelte teilt sich Amir Jasser, ein vier Jahre alter Junge, ein Bett mit einem gleichaltrigen Mädchen.

Kosten für viele zu hoch

Sein Vater erzählt, Amir habe Durchfall gehabt und sich mehrmals übergeben. Sein Zustand sei besser geworden, nachdem er mit einer Elektrolytlösung versorgt worden sei. In ihrem Bezirk Bani Matar, im Norden von Sanaa, wütet die Cholera. Doch einige Familien, so erzählt der Mann, könnten den Transport ins Krankenhaus nicht bezahlen – geschweige denn die Krankenhauskosten.

Für Ismail Al-Mansur, Arzt im Al-Sabin-Krankenhaus, liegt darin einer der Hauptgründe für den Ausbruch der Epidemie. „Internationale Organisationen schenken der öffentlichen Gesundheitsvorsorge keine Beachtung“, sagt er. Ärztliche Einrichtungen auf dem Land würden nicht unterstützt, obwohl das die Krankenhäuser in Sanaa und anderen Städten entlasten würde.

Nach den jüngsten Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind im Jemen mindestens 1300 Menschen an Cholera gestorben. Mehr als 200.000 Menschen hätten sich mit der Infektionskrankheit angesteckt. Die Krankheit grassiere vor allen in den nördlichen Provinzen Hadscha, Hodeida und Amran sowie in Sanaa. Fälle wurden in 20 der 22 Provinzen verzeichnet. Bis Ende August sei von 300.000 Fällen auszugehen, sagte eine Unicef-Expertin kürzlich in Genf.

Kein Zugang zu sauberem Trinkwasser

Begünstigt hat den Ausbruch der Epidemie der Bürgerkrieg, der seit 2014 im Jemen wütet und durch den mehr als 10.000 Menschen starben. Damals stürmten schiitische Huthi-Rebellen Sanaa und vertrieben die international anerkannte Regierung des Landes.

Eine von Saudi-Arabien angeführte und von den USA unterstützte sunnitische Koalition begann daraufhin damit, Luftangriffe auf Stellungen der Huthis zu fliegen. Doch die angeblich vom Iran unterstützten Rebellen kontrollieren weiter die Hauptstadt und viele Teile des Nordens. Friedensverhandlungen sind mehrfach gescheitert.

Dafür trafen die Bombardements oft die Infrastruktur des Landes. Mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen wurden wegen der Kämpfe zerstört. Viele Menschen haben kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen. Erreger konnten sich so schneller vermehren. (dpa)


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