„Life, Animated“: „Wer entscheidet, was ein sinnvolles Leben ist?“
Wien (APA) - In den USA ist Ron Suskind als knallharter Journalist bekannt. Zuhause spielte er jahrelang Jago, den Papagei in „Aladdin“. In ...
Wien (APA) - In den USA ist Ron Suskind als knallharter Journalist bekannt. Zuhause spielte er jahrelang Jago, den Papagei in „Aladdin“. In der Oscar-nominierten Doku „Life, Animated“ erzählt der 57-Jährige, wie er Disney-Charaktere benutzte, um mit seinem autistischen Sohn Owen zu kommunizieren. In Wien sprach der Pulitzerpreisträger mit der APA darüber, warum seinem Sohn jetzt auch Filme wie „Batman“ helfen.
APA: Warum wollten Sie diesen Film machen?
Suskind: Als Owen 19 Jahre alt war, war sein Bewusstsein dafür, wie die Welt ihn sah, gewachsen. Er sagte zu meiner Frau: „Die Menschen sehen dich für wen du bist, aber sie sehen mich nicht für wen ich bin. Ich bin ein ungeschliffener Juwel und Rohdiamant.“ Das ist ein Satz aus „Aladdin“. Das ist eine klassische Owen-Konstruktion. Das wurde also zu einer Aufgabe für uns.
APA: Was waren einige der Herausforderungen beim Dreh?
Suskind: Herausforderungen gab es in Hülle und Fülle. Owen kann nur die Wahrheit sagen. Es ist ein Segen und ein Fluch, aber es macht ihn zu einem außergewöhnlichen Menschen. Cornelia und ich würden manchmal zu Roger (Roger Ross Williams, dem Regisseur, Anm.) sagen: „Owen braucht jetzt seine Privatsphäre.“ Leute wie Owen werden oft objektiviert. Ziel war es, die Welt mit Owens Augen zu sehen.
APA: Owen sieht die Welt durch Zeichentrickfilme, Disney-Filme um genau zu sein. Was macht diese Filme so besonders?
Suskind: Dies sind Geschichten, die Menschen sich seit tausenden von Jahren erzählen. Die Gebrüder Grimm nahmen sie aus der Folklore, Walt Disney tat dasselbe für diese Zeit in seinem Medium. Diese Geschichten sind alles andere als einfach. Sie sind komplex in der Art und Weise, wie sie uns Fragen stellen. Owen verinnerlicht diese moralischen Wahrheiten, um sich selbst zu verstehen. Joseph Campbell schrieb in seinem Buch „Der Heros in tausend Gestalten“: „Der Westen hat diese Fabeln in die Spielzeugkiste verbannt. Keine Kultur in der Geschichte hat das getan.“ In gewisser Weise hat Owen nie gelehrt, sie in die Kinderabteilung zu verbannen.
APA: Es ist auch deutlich - und wir sehen das sehr schön im Dokumentarfilm -, dass diese Filme Grenzen haben und Dinge wie etwa Sex nicht erklären.
Suskind: Das stimmt. Jeder Disney-Film endet mit einem Kuss. Der Kopf etwas nach hinten geneigt, das Kinn nach oben, Lippen zusammengepresst. Aber lassen Sie mich Ihnen etwas interessantes erzählen: Owens Freundin hat während der Dreharbeiten mit ihm Schluss gemacht. Die beiden kamen wieder zusammen als der Film vollendet war und dann war wieder Schluss. Owen war am Boden zerstört. Wir haben ihn gefragt, welche Filme ihm derzeit helfen. Er sagte: „Die Disney-Filme geben mir jetzt nicht viel, aber es gibt da einen anderen Film aus der ‚Batman‘-Trilogie von Christopher Nolan.“ Owen machte die Szene einwandfrei nach. Bruce Waynes Haus ist niedergebrannt und er sagt zu Alfred, seinem Butler: „Alles ist verloren, mein Leben, mein Vermächtnis.“ Und Alfred sagt: „Warum fallen wir, Sir? Damit wir lernen können, uns wieder aufzurappeln.“
APA: Also sieht sich Owen auch andere Filme an.
Suskind: Ja, aber Disney steht immer noch an erster Stelle.
APA: Disney nahm keinen Einfluss auf die Doku. Stimmt das?
Suskind: Ja, das stimmt.
APA: Wie kann man einen Film mit so vielen Disney-Clips machen, ohne dass Disney ein Wörtchen mitzureden hat? Wie war es, die Rechte für die Filmausschnitte zu bekommen?
Suskind: Als ich das Buch geschrieben hatte, sagte mein Agent zu mir: „Ron, du hast ein juristisches Dilemma. Jedes Wort, das dein Sohn spricht, ist lizensiert von einem multinationalen Unternehmen.“ Also musste ich zu einem Disney-Verlag gehen. Sie waren großartig. Für den Film hatten wir eine unabhängige Produktionsfirma. Disney kannte die Geschichte bereits und mochte sie. Wir haben für Clips gezahlt, aber nicht so viel, wie vielleicht andere gezahlt hätten. Disney will aber klarstellen, dass das Anschauen ihrer Filme in keiner Weise Autismus heilt. Natürlich machen wir diese Behauptung nie im Film oder im Buch.
APA: In den USA sind Sie als politischer Journalist bekannt, haben 1995 den Pulitzerpreis gewonnen. Im Privaten spielten Sie Jago, den Papagei in „Aladdin“. Wie war das für Sie?
Suskind: Owen wurde 1994 mit Autismus diagnostiziert. Einen Monat später schrieb ich Artikel über die innerstädtischen afroamerikanischen Kinder in Washington D.C. Als Journalist war ich auf der Suche nach den vergessenen Menschen auf der ganzen Welt, aber die Person, die am drastischsten vergessen wurde, war zuhause. Meine Frau sagte oft zu mir, dass Owen von uns verlangt, unsere inneren Helden zu finden. Nach einer Filmvorführung bei Disney in Kalifornien, gefüllt mit Animatoren, die weinten und jubelten, wiederholte jemand etwas, das Cornelia im Film sagt. „Wer entscheidet, was ein sinnvolles Leben ist?“ Owen saß auf der Bühne und sagte: „Ich entscheide das.“ Und ich kann immer noch den Jubel in diesem Raum hören.
(Das Gespräch führte Marietta Steinhart/APA)
(S E R V I C E - „Life, Animated“ startet am 7. Juli im Kino. Vorpremiere mit anschließender Podiumsdiskussion morgen, Dienstag, um 20.15 Uhr im Filmcasino. www.lifeanimated-derfilm.de)