Freundschaft über den ganzen Globus
Das Austausch-Programm Erasmus ermöglicht seit 30 Jahren Studierenden, für drei bis zwölf Monate im Ausland zu studieren. Im letzten Jahr nahmen in Tirol über 1000 Hochschulangehörige an dem Programm teil.
Von Martina Treu
Innsbruck, Helsinki –„Ich wollte die Erfahrung machen, auch einmal in einer anderen Stadt als Innsbruck zu leben“, begründet Andrea Bichler ihre Entscheidung, am Austauschprogramm Erasmus teilzunehmen.
Seit 2014 werden die verschiedenen EU-Austauschprogramme in Erasmus+ zusammengefasst (siehe Factbox unten). Zwischen 2014 und 2016 gab es in Österreich insgesamt 50.343 Mobilitäten, also Austauschprogramme von Schul-, Berufs-, Hochschul-, Erwachsenenbildung und Jugendprogrammen.
Von Jänner bis Ende Mai 2015 war Bichler für ein Semester an der „Helsingin Yliopisto“, der Universität von Helsinki, Finnlands Hauptstadt. Sie absolviert heute das Masterstudium europäische Ethnologie an der Uni Innsbruck. „Wir hinterfragen alltägliche Prozesse und analysieren europäische Kulturen. Da bietet sich ein Aufenthalt im europäischen Ausland natürlich super an“, erklärt Bichler. Helsinki war dabei von den vom Institut vorgeschlagenen Möglichkeiten die einzige, bei der die Unterrichtssprache Englisch war. Bichler machte zwar einen Sprachkurs, doch Finnisch sei eine sehr schwere Sprache.
Das Erasmus-Programm ist ganz auf Studienzwecke ausgelegt. Der Fördersatz orientiert sich dabei an dem Zielland und ist in drei Gruppen aufgeteilt, wobei Finnland in Gruppe 1 mit einem monatlichen Zuschuss von 333 Euro fällt (Gruppe zwei und drei: 282 Euro).
„Doch das reicht natürlich für den in Finnland sehr teuren Lebensunterhalt nicht. Allein meine Miete betrug 400 Euro“, schränkt Bichler ein. Durch Unterstützung der Eltern und dank dem eigenen Ersparten sowie einem strikten Wochenplan kam sie dann aber mit dem Geld aus.
In Tirol flossen zwischen 2014 und 2016 Fördermittel von knapp 3 Milliarden Euro, österreichweit beträgt die Fördersumme über 90 Milliarden Euro.
In Helsinki sind die Mensen, die dort Unicafés heißen, in der ganzen Stadt verteilt. Dort können Studierende für 2,60 Euro essen. Zwar biete die Universität in Helsinki auch Hostels an, in denen Studierende während des Semesters wohnen können, doch mit über 600 Euro Miete seien diese schon teuer, findet Bichler.
Die Ethnologie-Studentin hatte aber Glück. Über die Sprachbörse der Universität Innsbruck lernte sie eine Finnin kennen, mit der sie die Sprache lernen wollte. Sie vermittelte Bichler dann ein WG-Zimmer, in dem sie wohnen konnte.
Damit das Fördergeld ausgezahlt wird, müssen Studierende im Monat mindestens drei ECTS-Punkte durch Seminare oder Vorlesungen machen. Meist werden zwei Drittel sofort ausgezahlt, nach erbrachten Leistungen dann das letzte Drittel. „So hat man einen zusätzlichen Ansporn, um seine Studienleistung zu erbringen“, erzählt Bichler.
Um sicherzugehen, dass die in Helsinki abgelegten Prüfungen in Österreich anerkannt werden, füllte Bichler ein „learning agreement“ aus, was wiederum von beiden Universitäten unterschrieben wurde.
„Vor dem Aufenthalt hat man schon mit viel Bürokratie zu kämpfen. In meinem Fall war es außerdem so, dass die zuständigen Personen überall in der Universität ,verstreut‘ waren. Da könnte man die nötigen Kompetenzen von den Dekanen auch auf Personen vom gleichen Institut übertragen. Auf Leute, die sich mit dem Fach auskennen“, schlägt Bichler vor.
Doch sie würde jederzeit wieder ein Erasmus-Austauschprogramm mitmachen und rät auch anderen dazu. „Ich habe viele Freunde auf dem ganzen Globus gefunden, mit denen ich noch heute in Kontakt bin“, freut sich Bichler. Die erlernte Selbstständigkeit war für sie auch ein großes Anliegen. Gerade in großen Städten treffe man immer viele Austausch-Studenten, die vor denselben Problemen und Herausforderungen stehen, sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden.
Gemeinsam mit zwei Kolumbianern, einer Südkoreanerin und einer Chinesin machte sie außerdem Ausflüge nach Lappland, Tallin und – Bichlers Höhepunkt der Reise – St. Petersburg.