Darmkeim verhindert Alk-Leber
Innsbrucker Forscher haben einen Darmkeim identifiziert, der von übermäßigem Alkoholkonsum zerstört wird. Das Problem: Fehlt dieser Keim, geht die Leber drauf.
Von Gabriele Starck
Innsbruck – Alkoholikern mit schwerer Lebererkrankung fehlt ein spezieller Keim im Darm. Innsbrucker Forscher an der Universitätsklinik für Innere Medizin I hoffen nun, aus dieser Erkenntnis erstmals einen Therapieansatz für die Krankheit zu finden, die in 40 Prozent der Fälle zum Tod führt.
Doch von Anfang an. Die Welt der Keime im Darm hat eine enorme, bis vor wenigen Jahren noch massiv unterschätzte Bedeutung für den Stoffwechsel und damit für die Gesundheit des Menschen. Wie weit das geht, zeigt, dass sogar Autismus in Zusammenhang mit der Darmwelt gebracht wird.
In dieser medizinisch Mikrobiota genannten Darmwelt existieren ebenso viele Keime, wie der Körper Zellen hat, erklärt der Direktor der Klinik für Innere Medizin I, Herbert Tilg, die Dimensionen. Ein halbes bis zu einem ganzen Kilogramm schwer wären diese Keime, brächte man sie auf die Waage. Man könne sie sich wie ein Orchester vorstellen, das aus 500 bis 800 verschiedenen Instrumenten besteht, sagt Herbert Tilg.
Auch ihr Arbeitsumfeld ist riesig. Die Darminnenseiten beim Menschen würden aneinandergelegt die Größe eines Fußballfeldes ergeben. Und wie der Rasen, der auf dem Platz liegt, kleidet die Innenseiten des Darms eine dicke Schleimschicht aus. Sie bildet eine Barriere, die alles Schädliche davon abhält, durch die Darmwand in die Blutbahnen zu gelangen. Einzig die lebensnotwendigen Nährstoffe darf diese Schicht durchlassen. „Deshalb muss die Schicht perfekt sein“, betont Tilg.
Einer der Keime nun, der ganz wesentlich zu einer perfekten Schutzschicht an den Darminnenwänden beiträgt, ist die Keimspezies der „Akkermansia muciniphila“. Dieses Instrument im Keimorchester sei einer der 40 bis 50 ganz großen Spieler im Darm, betont der Gastroenterologe.
Die Forscher finden nun immer weitere sehr wichtige Aufgaben heraus, die diese Keime im menschlichen Darm haben. Und sie entdecken, was das Fehlen der Akkermansia an Krankheiten hervorrufen kann.
So ist es einer Forschergruppe in Innsbruck gelungen, einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der alkoholbedingten Fettleber und den Akkermansia nachzuweisen. Sie haben den Stuhl von leberkranken Alkoholikern untersucht und festgestellt, dass diese Patienten über fast gar keine Akkermansia-Keime mehr verfügen.
Und die Forscher um Herbert Tilg fanden heraus, dass der Keim bei Patienten mit anderen Lebererkrankungen durchaus noch vorhanden ist. An weiteren Forschungseinrichtungen in Paris und in den USA, die man um Überprüfung gebeten habe, sei man zu demselben Ergebnis gekommen.
Damit stand für den Erstautor der Forschungsarbeit, Christoph Grander, und Tilg fest: Alkohol zerstört ganz selektiv diesen speziellen Keim. Das wiederum nährt die Hoffnung der Mediziner, dass sie Alkoholabhängigen irgendwann einmal ein Medikament anbieten können, das zumindest ihre Lebererkrankung mildert.
Denn die Schlussfolgerung für Tilg aus den Erkenntnissen lautet: „Wenn die Akkermansia muciniphila so wichtig sind, müssen wir sie zuführen, wenn sie fehlen.“ Da die alkoholische Lebererkrankung nun nachweislich im Darm beginne, könnte man Alkoholikern vorbeugend Akkermansia verabreichen, um die Krankheit zu verhindern, lautet die Idee. Und sollte die Krankheit bereits im Entstehen sein, würde die Zufuhr die Erkrankung zumindest lindern, hofft Tilg. Als Heilsbotschaft für Alkoholiker will er das aber nicht verstanden wissen. Die kranke Leber sei ja schließlich bei Weitem nicht die einzige negative Folgeerscheinung von Alkoholismus.
Da der Tausendsassa-Keim der Wissenschaft schon länger für die Behandlung von Übergewicht und Diabetes Typ 2 erfolgversprechend erscheint, befindet sich ein Akkermansia-Präparat bereits in der klinischen Erprobung. Die Phase-1-Studie läuft derzeit in Frankreich und Belgien. Erste Daten, ob das Mittel halten könnte, was es verspricht, dürften 2018 vorliegen.
Therapien durch Darmkeime
Alkoholkrank. In Österreich sind Zahlen des Vereins BIN zufolge rund 400.000 Menschen alkoholkrank. 800.000 Menschen seien alkoholsuchtgefährdet. Allein in Tirol geht BIN von rund 40.000 Alkoholkranken bzw. 80.000 Alkoholsuchtgefährdeten aus.
Alkoholleber. Für die alkoholbedingte Erkrankung des Organs, die von der Fettleber bis zur Zirrhose führt, gibt es bislang keine Therapie. Die Behandlung mit dem Keim ist ein erfolgsversprechender Ansatz.
Probiotika. In als Medikament verabreichte Keime setzen die Forscher viel Hoffnung. Diese gibt es bislang allerdings noch nicht auf dem Markt. Denn die unter dieser Bezeichnung bislang verkauften Präparate seien meist keine Arzneimittel, sondern Nahrungsergänzungsmittel, erklärt Gastroenterologe Herbert Tilg von der Medizin-Uni Innsbruck. „Aber die wirklichen Medikamente werden kommen", ist er sich sicher.