Eltern getötet 4 - „Keine Hilferufe“ an die Schwester
Wiener Neustadt/Perchtoldsdorf (APA) - „Er war immer sehr ruhig, bescheiden, und hat ein zufriedenes Leben geführt.“ Derart schätzte die zwe...
Wiener Neustadt/Perchtoldsdorf (APA) - „Er war immer sehr ruhig, bescheiden, und hat ein zufriedenes Leben geführt.“ Derart schätzte die zwei Jahre jüngere Schwester den Angeklagten ein. „Hilferufe“ von ihm habe sie nie bekommen. „Die Eltern waren mit Sicherheit sehr froh, einen hörenden Sohn zu haben“, sagte sie in Gebärdensprache im Zeugenstand. Wenn sie selbst helfen wollte, hieß es immer, ihr Bruder kümmere sich eh.
Sie selbst hatte damals einen Partner, und sie wollte weg, frei sein, keine Verbote mehr kriegen, begründete sie ihren frühen Auszug aus dem Elternhaus. Die von der Mutter abgelehnte Gebärdensprache hatte sie erst als Jugendliche erlernt. Sie gründete eine Familie, lebte dann im Bezirk Baden, ging nach ihrer Scheidung ein Jahr nach Deutschland und hatte eigene Probleme zu bewältigen, erzählte die 46-Jährige. Ihre Eltern hatten eine sehr herzliche Beziehung, der Vater war streng, die Mutter sah ihre Rolle darin, für die Männer in ihrer Familie da zu sein, sei aber eine starke Persönlichkeit gewesen.
„Anstrengend“ waren die Eltern schon im Alter, krank, sie sagten oft, nicht mehr leben zu wollen, meinte die Zeugin. Der Vater sei immer sturer und rechthaberischer geworden, habe aber jede Unterstützung abgelehnt. Sie sei von Besuchen im Elternhaus immer „leicht genervt“ gewesen, fühlte sich danach „runtergezogen“, räumte sie ein. Zuletzt war sie in den letzten Dezembertagen dort - rückblickend falle ihr auf, dass ihr Bruder sie und die Kinder nie besucht hatte und auch nicht bei ihrer Hochzeit war. Sie sei nicht böse auf ihn, habe ihn nach der Tat schon gesehen, an sich gezogen und umarmt. Heute aber könne sie den 48-Jährigen nicht einschätzen - sie sehe keine Mimik, kein Zucken um den Mund, keine Emotion, sagte die Frau.
Die in Perchtoldsdorf in der Nähe wohnende 38-jährige Schwester des Beschuldigten, die eine Ausbildung zur Gebärdenspracheübersetzerin absolvierte und in einem Kindergarten arbeitet, kam ihre Eltern oft besuchen. Früher habe sie ihrem Bruder von den Lippen abgelesen, erzählte sie von der Kindheit. Der Vater hatte schon vor dem Schlaganfall Beschwerden, unter anderem mit Hüfte und Knie, die Mutter Arthrose. Lob und Dank für ihren Bruder gab es hauptsächlich seitens ihrer Mutter, erzählte die Zeugin. Beschwert habe sich der 48-Jährige aber nie - „er war immer ruhig und freundlich“. Und: „Er war immer da.“ Fremde Hilfe hätten die Eltern komplett abgelehnt.
Nach dem Sturz der Mutter erhielt die 38-Jährige eine SMS von ihrem Bruder und ging am Neujahrsmorgen hin. Ihr Bruder wirkte „völlig erschöpft“, die Mutter ganz benommen, von Schmerzen gezeichnet und derart verwirrt, dass sie Angst bekam. Die 38-Jährige bestand dann darauf, dass die Eltern sich im Erd- und nicht im Obergeschoß schlafen legen sollten. Wegen heftigen Schluckaufs des 85-Jährigen war zuvor auch noch ein Notarzt gerufen worden. Nach Mitternacht verließen die Frau und ihr Freund das Haus und kamen am nächsten Tag wieder, als eine Mitarbeiterin des Hilfswerks eintraf. Tags darauf standen Polizeiwagen vor dem Haus - und sie erfuhr, dass die Eltern tot waren. Wo ihr Bruder war, sagten die Beamten nicht. Den im Garten angeleinten Hund durfte sie dann mitnehmen.
Am Nachmittag stand noch die gerichtsmedizinische Expertise zu den Verletzungen der Opfer am Plan. Bevor dann am 4. Juli ein Urteil gefällt wird, soll neben weiteren Zeugen das psychiatrische Gutachten gehört werden.