Gefährliche Liebschaften im Krieg
Sofia Coppola liefert mit dem Horrormärchen „The Beguiled – Die Verführten“ ihr Meisterstück.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Um sich endgültig von seinem Italo-Western-Image zu befreien, drehte Clint Eastwood unter der Regie seines neuen Lehrmeisters Don Siegel 1970 drei Filme, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, in der Summe aber erahnen ließen, wohin sich Eastwood als Schauspieler und später als Regisseur bewegen wollte. In der Western-Komödie „Ein Fressen für die Geier” zeigte Eastwood sein komisches Potenzial, „Dirty Harry“ wurde zum politischen Programm, aber dazwischen gab es die Romanadaption „The Beguiled“ über das Verschwinden der Männer in den Zeiten des Krieges. Eastwood spielte den schwer verletzten Soldaten John McBurney, der in einem Mädcheninternat gesund gepflegt wird. Der Soldat genießt die Behandlung, an den Konflikt, der den Bürgerkrieg ausgelöst hat, erinnert eine Sklavin, doch das frivole Spiel mit den Ängsten und Begierden der Südstaatenschönheiten wird bald zu einem Horrorstück, in dem Säge und Gift die Richtung vorgeben. Die Amputation des Soldaten wurde 1971, als „The Beguiled“ in die Kinos kam, auch als Kommentar zum Vietnamkrieg verstanden. Die symbolische Kastration des Mannes lässt aber auch die Lesart eines verzweifelten Aufbäumens der Kultur des Machismo gegen die Idee des Feminismus zu. Die Geschichte eröffnet aber auch eine ironische Erzählweise, schließlich hieß Thomas P. Cullinans 1966 erschienene Romanvorlage „The Painted Devil“. Sofia Coppola wechselt in ihrem Remake von Siegels Film die Perspektive und lässt die Bewohner der Südstaatenvilla lustvoll den Teufel an die Wand malen.
Unschuldig wie Lewis Carrolls Alice streift die elfjährige Amy (Oona Laurence) auf der Suche nach Pilzen durch den Wald. Die Alleebäume bilden mit ihren Ästen einen Tunnel, an dessen Ausgang das Grauen, das Unheimliche liegt. Bereits in den ersten fantastischen Bildern (erstmals führt Philippe Le Sourd, der 2013 „The Grandmaster“ von Wong Kar-Wai fotografiert hat, für Sofia Coppola die Kamera) ist das Ende des Schauermärchens zu erahnen. Ein kleiner Fehlgriff, und schon wird der Genuss eines Pilzragouts mit Wahnsinn und Tod bestraft.
Amy folgt der Spur der Pfifferlinge, die sie hinter einem Baum zu einem verwundeten Mann in der Uniform des Feindes führen. John McBurney (Colin Farrell) hat im Internat von Martha Farnsworth (Nicole Kidman) vorerst nichts zu fürchten. Nach drei Jahren Bürgerkrieg sind die Sklaven verschwunden, der Ausgang der bevorstehenden Schlachten ist abzusehen. Während die einzige noch anwesende Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst) die fünf verbliebenen Schülerinnen mit dem Französischen vertraut macht, schält Martha die Eisenstücke, „genug, um ein Pferd zu beschlagen“, aus McBurneys Bein und bald ist der Soldat in der Lage, sich als Gärtner nützlich und den Frauen Komplimente zu machen. McBurney kennt keine Vorurteile, weshalb sich die Mädchen und Frauen, ungeübt im Umgang mit Männern, schnell in nervöse Prinzessinnen verwandeln. Die Dekolletees erkunden die Grenzen des Schicklichen, Edwina beginnt eine gemeinsame Zukunft zu entwerfen, aber da gibt es auch die verführerische Alicia (Elle Fanning), jung genug, keinen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Von Testosteron und Entbehrungen gehetzt, wird aus dem Soldaten der Vicomte de Valmont, der sein boshaftes Spiel der „Gefährlichen Liebschaften“ erprobt. Marthas Ruf nach Säge und Anatomielehrbuch ist eine verständliche Reaktion und das Mitleid mit dem Verführer hält sich in Grenzen.
Mit „The Beguiled“ erweitert Sofia Coppola ihre bisherigen Ensemblefilme („The Virgin Suicides“) um den Humor- und Ironiefaktor, der aus dem Südstaatendrama ein kurzweiliges, schauerliches Vergnügen werden lässt.