Auf der Suche nach Halt
Vor elf Jahren kam der Äthiopier Kidane Korabza nach Tirol, um Pfarrer zu werden. Heute ist er Jugendseelsorger und beobachtet trotz leerer Kirchen, dass Glaube einen hohen Stellenwert hat.
Von Judith Sam
Innsbruck –Kidane Korabza Wodajo klickt durch Fotos auf seinem PC. Sie zeigen satte Wiesen, reißende Flüsse und moderne Städte. „Die meisten meiner Gäste sind überrascht, dass mein Herkunftsland Äthiopien so aussieht. Sie erwarten karge Landstriche und Lehmhütten“, sagt der 37-Jährige.
Auf dem nächsten Foto sieht man Korabza, wie er eine Ziege streichelt: „Sie war ein Geschenk von Freunden in meiner afrikanischen Heimatpfarre, nachdem ich 2012 in Innsbruck zum Diakon geweiht worden war.“ Andächtig blickt er aus seinem Bürofenster der Diözese Innsbruck auf die Höttinger Pfarrkirche: „Vor elf Jahren bin ich aus meinem afrikanischen Heimatdorf Kokabir nach Innsbruck gezogen, um Pfarrer zu werden.“
Anfangs ein ziemlicher Schock: „Die Kirchen hier sind so leer. Selbst sonntags. In Afrika finden sich zum Gottesdienst Hunderte Menschen ein, singen, trommeln und reden miteinander.“ Kinder müssten nicht aufgefordert werden, hinzugehen. Anders in Tirol: „Wobei ich als Jungschar- und Jugendseelsorger der Diözese beobachte, dass Glaube einen hohen Stellenwert bei Kindern hat. Sie sehen in ihm Gemeinschaft und Hilfe.“
Doch die Kirche sei zu starr. In einer aktuellen Umfrage erklärte der Großteil der 1500 befragten Tiroler Jugendlichen, dass Musik beim Gottesdienst zu kurz käme, die Räume zu kalt seien und man nicht Teil des Gottesdiensts sei, sondern nur den ständig gleichen Predigten lauschen müsste.
In Korabzas Kindheit war ein Leben ohne Kirche undenkbar: „Ich war von klein auf Ministrant und sobald der Pfarrer nicht da war, bin ich zum Altar gesaust, habe die Arme gehoben und Messe gespielt.“ Die Erinnerung erheitert ihn sichtlich.
Mit 15 Jahren entschied er, der Kirche sein Leben zu widmen, und trat dem Comboni-Orden bei. Dort bot man ihm an, sein Studium in Europa zu absolvieren. Eine willkommene Abwechslung: „Allerdings war Italien mein Wunschziel. Die Heimat des Papstes! Und in Äthiopien hält man Österreich für einen Teil Deutschlands, insofern man überhaupt schon davon gehört hat. Nicht wenige meiner Freunde meinten, ich würde nach Australien ziehen.“
Zudem sei Italienisch eine melodische Sprache, Deutsch hingegen klinge für Außenstehende eher hart und streng.
Heute ist der mittlerweile österreichische Staatsbürger jedoch glücklich, in Innsbrucks Altstadt leben zu dürfen: „Ich liebe Schweinsbraten! Meine Mutter, die kürzlich auf Besuch war, ist immer begeistert von der Sauberkeit in den Straßen. Und wir beide haben hier erstmals Schnee erlebt.“
Anders als in Äthiopien sei auch die Mentalität: „Den Tirolern geht es meist gut, trotzdem machen sie sich ständig Sorgen und sind immer wieder unzufrieden.“ In Afrika hingegen seien viele bitterarm und müssten ums Überleben kämpfen, wenn für eine Saison der Regen ausbleibt: „Doch die Menschen dort sind glücklich. Woran das liegt, kann ich nicht sagen.“
Das wirtschaftliche Problem der Äthiopier sei, dass es zu wenige Jobs gebe: „Viele studieren und finden dann keine Arbeit. Dann müssen sie Bauern werden und ihr Essen anbauen.“ Korabzas zwölf Geschwister hatten Glück: „Sie verdienen alle genug – ob als Krankenschwester, in einer Bank, mit kleinen Geschäften oder als Ingenieure.“
Sorgen plagen den Priester derzeit unter anderem wegen der Flüchtlings-Entwicklung: „Besonders in Dörfern, wo ich früher Religion an verschiedenen Schulen unterrichtet habe, hat das Thema die Menschen sehr beschäftigt.“ Er selbst wurde stets mit viel Respekt behandelt – allerdings hauptsächlich am Land, wo man ihn kannte: „Vergangenes Jahr, als die Flüchtlingswelle hoch war, hatte ich den Eindruck, dass die Stimmung anders war und mich manche Städter kritisch angeschaut haben.“
Umso wichtiger sei der Blick nach vorne: „Ich spreche darüber viel mit den Kindern und Eltern. Ich glaube, das kann etwas verändern.“ In letzter Zeit durfte Korabza sogar einige Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren, wieder aufnehmen. Der Wunsch nach Gemeinschaft und Halt stünde dabei im Vordergrund: „Man sollte von Gott nicht erwarten, dass er jedes Problem aus der Welt schafft. Manchmal gehören Rückschläge dazu.“