TT-Interview

Rohregger: „Bei der Tour herrscht Krieg von Minute null an“

Fans lieben diese Bilder, für Thomas Rohregger (hier im Jahr 2011) bedeutete die Tour viel Stress.
© gepa

Am Samstag wird die 104. Tour de France mit dem Einzelzeitfahren in Düsseldorf (GER) eröffnet. Ex-Radprofi Thomas Rohregger (34) ist für den Radsport-Weltverband UCI im Einsatz, der Tiroler warnt vor Auswüchsen.

Die Tour de France ist das Ziel jedes Straßenradprofis, Sie waren 2011 am Start (Platz 73, Anm.). Was für Erinnerungen blieben Ihnen von den drei Wochen in Frankreich?

Thomas Rohregger: Es war immer mein Ziel, einmal alle drei großen Landesrundfahrten (Tour de France, Giro d’Italia, Vuelta d’Espana) und Olympische Spiele zu bestreiten. Die Tour war das größte Rennen und wohl auch das stressigste, vom Feeling mochte ich den Giro allerdings mehr. Das liegt an der Landschaft, dem Umfeld – und eben dem Stress in Frankreich.

Was verursachte diesen Stress? Schließlich sind bei allen Landesrundfahrten annähernd gleich viele Leute mit großen Ambitionen am Start.

Rohregger: Es herrscht Krieg von Minute null an, alle wollen bei der Tour de France ins Fernsehen, um ihre Sponsoren zu präsentieren. Wie schnell vom ersten Meter an gefahren wird, sieht man im Fernsehen gar nicht. Dann passiert es, dass sich schwere Stürze ereignen und sich ein Gesamtführender wie Tony Martin das Schlüsselbein bricht (2015, Anm.).

Sie beteiligen sich im Radsport-Weltverband UCI an der Verbesserung solcher Situationen.

Rohregger: Ich bin bei der Tour de France im Zuge des Ruhetags als technischer Delegierter im Einsatz. Wir diskutieren, klären auf, vermitteln, sind Anlaufstelle für Fahrer, Veranstalter und Verband. Wir sprechen über Sicherheit im Radsport. Oft wird dabei kritisch auf Polizei- und Kameramotorräder hingewiesen, dabei sind auch die Radfahrer Teil des Ganzen. Wenn ich den Kamerafahrer nicht vorbeilasse, hat er Stress und auch der Fahrer.

Mit Lance Armstrong und Mario Cipollini gab es früher noch eine Hackordnung im Feld, die Ruhe garantierte. Früher war es ein Miteinander, heute ist es oft ein Gegeneinander.

Rohregger: Das stimmt, selbst die Fahrer bestätigen mir: Der Respekt untereinander ging brutal nach unten. Es gibt mittlerweile viele Fahrer aus anderen Kulturkreisen, da lebt nicht mehr nur die traditionelle mitteleuropäische Radsportkultur. Da prallen Mentalitäten aufeinander, das sagen auch die Fahrer.

Wie kann man dieser Situation Herr werden?

Rohregger: Man versucht es jetzt mit einem neuen Protokoll für die letzten 3 km einer Etappe: Drei-Sekunden-Löcher werden zusammengekittet, um gefährliche Sprintankünfte zu vermeiden. Die Zeit wird also als Ganzes genommen, damit sich die Gesamtwertungsfahrer etwas hinten reinsetzen können.

Aber angesichts hoher Geschwindigkeiten auf engem Raum werden sich immer wieder kritische Situationen ergeben.

Rohregger: Der Sprint gehört zum Radfahren dazu, aber wenn ich im Finale einer Etappe 25 Kurven einbaue, scheint klar, dass das gefährlich wird.

Auch technische Details wie der Teamfunk standen in der Vergangenheit schon zur Diskussion. Die einzigen Accessoires, um die es geht?

Rohregger: Auch die Verwendung der Wattmesssysteme war zuletzt ein Thema. Das ging von Tom Dumoulin aus: Der schaute beim Giro-Sieg nur auf sein Kastl am Lenker (Watt-Angabe, Anm.), während andere wie Nibali wild attackierten. Er fuhr seinen Stiefel und holte sie immer ein, auch ein Fahrer wie Froome schaut nur noch auf seinen Computer. Die Kritik: Man würde die Fahrer entmündigen, die würden sich zu viel auf Daten verlassen, fahren ein smartes Rennen und kämen dadurch nie in den dunkelroten Bereich.

Wie groß ist die Angst des Weltverbands vor eingebauten Elektromotoren?

Rohregger: Es gibt in der UCI eine eigene Abteilung, die für den Scan der Fahrräder zuständig ist. Ich halte das Thema E-Doping für eine aufgebauschte Geschichte, wir haben ein super Aufklärungssystem. Wenn Verdacht aufkommt, wird ein Rad konfisziert und auseinandergebaut. Für diese Checks gibt es eine eigene Crew.

Und wie erachten Sie das Thema klassisches, also medizinisches Doping?

Rohregger: Die Rennen sind offen, der Giro war so spannend wie lange nicht mehr. Jeder Fahrer hatte einen schlechten Tag, die Ausreißer halten ihre Attacke nicht ewig durch. Das sind Anzeichen, dass das Übermenschliche nicht mehr vorhanden ist.

Wie wird sich die Tour de France heuer entwickeln?

Rohregger: Bis zur ersten Bergankunft (La Planche des Belles Filles, Anm.) passiert nicht viel. Die Alpen kommen heuer erst zum Schluss, da wird die Entscheidung fallen. Spannend wird das Einzelzeitfahren zu Beginn in Düsseldorf. Da kannst du eine halbe Minute verlieren. Zuletzt hat Richie Porte (AUS) Alberto Contador (ESP) einiges abgenommen, das kann moralisch eine große Rolle spielen.

Und wer gewinnt die Tour?

Rohregger: Von der Papierform her Vorjahressieger Chris Froome (GBR). Er war zuletzt aber nicht dominant, die Ausgangslage ist offen. Wenn ich mich jetzt festlegen müsste, würde ich sagen: Richie Porte.

Das Gespräch führte Florian Madl