Originalmanuskript von Kafkas „Der Prozess“ in Berlin ausgestellt

Berlin/Wien (APA) - „Jemand musste Josef K. verläumdet haben.“ Der erste Satz aus „Der Prozess“ von Franz Kafka ist deutlich auf dem zweifac...

Berlin/Wien (APA) - „Jemand musste Josef K. verläumdet haben.“ Der erste Satz aus „Der Prozess“ von Franz Kafka ist deutlich auf dem zweifach verglasten Original zu lesen. Das Blatt hat ausgefranste Ränder und ist nachgedunkelt. Von Samstag bis zum 28. August werden alle 171 Originalseiten des Manuskripts in einer Ausstellung unter dem Titel „Franz Kafka. Der ganze Prozess“ im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt.

Schräg gegenüber, in der Stresemannstraße 111, erhebt sich ein steril-weißer Neubau auf Glas und Beton. Hier stand einst das Hotel „Askanischer Hof“, wo am 12. Juli 1914 Franz Kafka und Felice Bauer ihre Verlobung lösten. Hinterher stellte Kafka fest, dass er dieses Treffen wie einen „Gerichtshof im Hotel“ empfunden habe. Unmittelbar darauf begann er mit der Arbeit am „Prozess“, die ein halbes Jahr dauerte.

Die dicht beschriebenen Blätter in den eigens für die Ausstellung angefertigten Vitrinen zeigen eine eilende Schrift und hastige Streichungen. Wie rasche Notizen muten die Zeichen an. „Kafka schreibt das Manuskript in hohem Tempo“, bestätigte Ellen Strittmatter, Kuratorin der Ausstellung, heute, Mittwoch, bei der Präsentation. „Er schreibt gleichzeitig in zehn verschiedene Hefte.“ Doch habe er am Ende keine Ordnung mehr dafür gefunden. Das Werk bleibt unvollendet. „Es ist, als ob man dem schreibenden Kafka über die Schulter schauen kann“, sagte der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender: „Kafka ist irgendwie anwesend.“

Die Originale hat das Deutsche Literaturarchiv Marbach für Berlin zur Verfügung gestellt. Damit sie keinen Schaden nehmen, wurde die Beleuchtung besonders vorsichtig eingesetzt, gefährdete Blätter wurden doppelt verglast. Ulrich Raulff, der Direktor des Marbacher Archivs, bezeichnete den Schriftsteller als einen „Weltautor, wie es nur wenigen gegönnt ist“. Aus dem 20. Jahrhundert würde diese Bezeichnung höchstens drei Schriftstellern zuteil, etwa noch Proust und Joyce. Raulff zeigte sich erfreut, dass das Manuskript in Berlin gezeigt werde, „so nah am Ort des ersten Funkensprungs“ für „Der Prozess“.

Kafka sei einer der meist übersetzten Autoren. Das wollten die Aussteller anschaulich zeigen. Und so habe man dutzende Goethe-Institute in aller Welt gebeten, nach erwerbbaren Exemplaren des „Prozess“ zu suchen, sagte Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus. Das Ergebnis ist in einer eigenen Vitrine in einem zweiten Raum der Ausstellung zu sehen. Mehr als 60 Ausgaben des „Prozess“, die auf dem weltweiten Buchmarkt erhältlich sind, liegen neben- und übereinander: Auf Mongolisch, Hindi, Baskisch, Chinesisch in Lang- und Kurzzeichen etwa.

Außerdem wird dreimal am Tag der Film gleichen Titels von Orson Wells aus dem Jahr 1962 gezeigt. An den Wänden hängen Fotos aus der Sammlung Klaus Wagenbach: von Kafka selbst, seinen Verwandten, seinen Freundinnen und auch vom Sanatorium Dr. Hoffmann in Kierling, wo der Schriftsteller am 3. Juli 1924 starb.

Mit dem „Prozess“ hatte Kafkas Weltruhm eingesetzt. Er selbst hatte nur ein Kapitel daraus veröffentlicht. Das Manuskript hingegen nahm einen abenteuerlichen Weg: Sein Freund, der Schriftsteller Max Brod, dem Kafka seinen dichterischen Nachlass übergeben hatte, sei mit dem letzten Zug 1939 von Prag Richtung Palästina ausgereist, erzählte Hans-Gerd Koch, ebenfalls Kurator der Berliner Schau. Es war einen Tag, bevor die deutsche Wehrmacht in der Tschechoslowakei einmarschierte, - im Handgepäck hatte Brod das „Prozess“-Manuskript. Nach dem Krieg schenkte er es seiner Lebensgefährtin. 1988 wurden die 171 Originalseiten in einer gemeinsamen Anstrengung diverser deutscher Stellen in einer Londoner Auktion um rund 3,5 Millionen D-Mark erworben.

(S E R V I C E: „Franz Kafka. Der ganze Prozess“ von 30. Juni bis 28. August im Martin-Gropius-Bau, Berlin. Geöffnet: Mittwoch bis Montag 10-19 Uhr. www.berlinerfestspiele.de)