Steuerreform in Indien - Millionen Kleinunternehmer bangen

Neu-Delhi (APA/Reuters) - Pankaj Jain sitzt in der nordindischen Millionenstadt Meerut in seinem engen Büro am Schreibtisch und weiß nicht m...

Neu-Delhi (APA/Reuters) - Pankaj Jain sitzt in der nordindischen Millionenstadt Meerut in seinem engen Büro am Schreibtisch und weiß nicht mehr so recht weiter. In der Werkshalle nebenan rattern ein Dutzend veralteter Webmaschinen, vor ihm liegen zwei Taschenrechner. Er dreht sich um zu einem Metallschrank und greift nach seinem Auftragsbuch.

Er stellt Bettwäsche her und alle geschäftlichen Vorgänge sind dort handschriftlich eingetragen. Ab Juli schiebt ihn die Regierung aber in ein neues Zeitalter. Er soll dann erstmals Verkaufssteuern auf seine Waren zahlen - und monatlich online Erklärungen dazu abzugeben. „Wir müssen einen Buchhalter einstellen - und einen Computer anschaffen“, stöhnt der 52-Jährige. Wie ihm geht es Millionen anderer Kleinunternehmer. Sie sind schlecht vorbereitet auf die größte indische Steuerreform seit der Unabhängigkeit Mitte des vergangenen Jahrhunderts.

Indiens reformfreudiger Ministerpräsident Narendra Modi preist die geplante Umsatzsteuerreform dagegen als Erleichterung für Unternehmen an. Die „Goods and Services Tax“ (GST) genannte Steuer soll zahlreiche Landes- und Bundessteuern ersetzen. Die Vereinheitlichung in den 29 Bundesstaaten kommt Experten zufolge vor allem größeren Firmen zugute und könnte der boomenden indischen Wirtschaft einen weiteren Schub geben. Die Bank HSBC etwa hält durch den Schritt hält ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent für möglich.

„Eine Nation, eine Steuer, ein Markt!“, verkündet der Bollywood-Superstar Amitabh Bachchan in Werbevideos für das Vorhaben. Doch so einfach ist es nicht. Die amtliche Gebührenordnung für die neue Steuer ist 213 Seiten dick. Neben den vier verschiedenen Sätzen von 5, 12, 18 und 28 Prozent gibt es noch Dutzende Ausnahmen. Mit einer Steuererklärung ist es zudem bei weitem nicht getan. Der Staat fordert künftig drei davon pro Monat und eine weitere zum Abschluss des Jahres. Insgesamt also kommen auf Pankaj Jain 37 Erklärungen pro Jahr zu - vorausgesetzt, er betreibt seine Geschäfte nur in einem Bundesstaat. Mit jedem weiteren würden auch weitere 37 Formulare fällig.

Zwar will die Regierung im Juli und im August noch ein Auge zudrücken. Aber danach soll es ernst werden. Doch auch dem indischen Industrieverband IIA, der landesweit rund 6.500 Unternehmen vertritt, sind die neuen Regeln noch zu verwirrend. „Gummi-Produkte werden mit zwölf Prozent besteuert, Sport-Produkte mit 18 Prozent. Ich stelle Gummi-Produkte für den Sport-Bereich her“, sagt der örtliche IAA-Sekretär Anurag Agarwal. „Welche Steuer muss ich denn nun zahlen?“

Die Regierung will mit der Reform nicht nur einen einheitlichen Binnenmarkt schaffen und Handelshemmnisse abbauen. Sie will auch die Korruption und Schattenwirtschaft ausbremsen. Das Vorhaben ist ein Mega-Projekt - und könnte manche Firmen überfordern. Schließlich schätzt die Regierung, dass allein die Kleinunternehmer für 45 Prozent der produzierenden Industrie im Land verantwortlich sind und bei ihnen mehr als 117 Millionen Menschen in Lohn und Brot stehen.

Doch Kleinunternehmer wie Pankaj Jain sehen sich als gebrannte Kinder. Schon einmal haben ihnen Modis Reformen das Geschäft vermasselt. Der Ministerpräsident hatte Ende 2016 kurzfristig die beiden größten Geldscheine im Land - die 500- und 1.000-Rupien-Noten - aus dem Verkehr ziehen lassen und damit der auf Bargeld basierenden Volkswirtschaft einen schweren Schlag versetzt. Die Scheine im Nennwert von umgerechnet etwa sieben und 14 Euro waren damit quasi über Nacht nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel zugelassen. Bei Millionen Händlern blieben die Käufer daher vorübergehend aus. Auch diesen Schritt hatte Modi mit seinem Kampf gegen Schwarzgeld begründet. Den Titel der weltweit am schnellsten wachsenden Wirtschaft musste er deshalb erstmal wieder abgeben. Im ersten Quartal legte die indische Wirtschaft nur noch gut 6 Prozent zu und lag damit hinter der Volksrepublik China.

Pankaj Jain weiß noch nicht, wie es ab Juli es für ihn und seine zehn Mitarbeiter weitergeht. Ein Buchhalter und die Steuern von 5 Prozent auf den Verkauf seiner Bettwäsche könnten ihn nach eigenen Angaben bis zu zwei Drittel seines bisherigen Gewinns von 400.000 bis 500.000 Rupien (5.450 Euro bis 6.800 Euro) pro Jahr kosten. „Ich weiß, dass meine Kosten steigen werden. Aber ich weiß nicht, wie es mit meinem Einkommen weitergeht“, sagt er. „Vielleicht muss ich mich künftig als Händler verdingen und mein bisheriges Geschäft dicht machen.“