Tirol

Nach erneuten Vorfällen in Tirol: Polizeischutz gegen „Gaffer“

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Schaulustige haben am Mittwoch erneut einen Rettungseinsatz behindert. Neu ist das Phänomen nicht. Smartphone und Internet heben das Problem aber auf eine andere Stufe.

Von Benedikt Mair

und Marco Witting

Innsbruck –Feuerwehrsirenen, Polizeiaufgebote, Rettungsfahrzeuge: Wie die Motte vom Licht werden viele Menschen von solcherlei Dingen magisch angezogen. Frei nach dem Motto: „Da ist was los, da muss ich hin.“ Schaulustige, auch gerne Gaffer genannt, sind kein neues Phänomen. Hochauflösende Smartphone-­Kameras und der Hang zum ständigen Online-Sein heben das Problem jedoch auf eine ganz neue Stufe.

Das zeigt ein Fall in Innsbruck erneut eindrucksvoll. Mittwochabend kurz vor Mitternacht brach ein 36-Jähriger in der Museumstraße zusammen. Mitten auf der Straße, zwischen den Tram-Schienen, blieb er liegen. Er bekam Krämpfe, sein Herz-Kreislauf-System kollabierte. Kurz darauf bildete sich am Ort des Geschehens eine Menschentraube, viele filmten und fotografierten.

Ottmar Emser, stellvertretender Kommandant der Polizei Pradl, die den Einsatz leitete, betont zwar, dass niemand eine Hilfeleistung unterlassen habe. „Weil wir den Mann aber mit Decken abschirmen und die Passanten vom Näherkommen abhalten mussten, waren sehr viele Einsatzkräfte gebunden.“ Vier Streifen seien vor Ort gewesen, um die durchgehend rund 20 Schaulustigen unter Kontrolle zu halten. „Diese Polizisten hätten auch an anderen Schauplätzen gut gebraucht werden können“, sagt Emser.

In den letzten Jahren habe sich das Phänomen laut dem Kommandantstellvertreter der Pradler Polizei immer mehr ausgebreitet. Vor allem Internet, Handy sowie der Wunsch, zu fotografieren und zu filmen, würden die Leute dazu verleiten, sich immer näher heranzuwagen.

Auch bei den Tiroler Feuerwehren sind Gaffer in jüngerer Vergangenheit mehrfach negativ aufgefallen. Ganz deutlich zu spüren bekamen die Einsatzkräfte die Problematik beim Großbrand in Pfaffenhofen. Georg Waldhart, Leiter der Landesfeuerwehrschule, erklärt dazu: „Schaulustige bei Bränden hat es immer gegeben. Heutzutage wird gefilmt und dadurch gehen die Menschen vielleicht auch näher an einen Brandherd heran, als sie sollten.“ Der Brand in Pfaffenhofen vor zwei Wochen und auch jener eines Gefahrenguttransporters auf der Brennerautobahn hätten gezeigt, dass sich Zuschauer dabei auch in Gefahr bringen.

Der Verkehrspsychologe Dieter Krainz vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), sieht die Angelegenheit etwas differenzierter: „Menschen wollen Sensationen erleben. Schon immer. Stichwort Katastrophentourismus. Handys, Smartphones, Facebook und Co. unterstützen aber den Drang im Menschen, sich selbst darstellen zu wollen.“

In den vergangenen Jahren stagniere die Zahl der Fälle, in denen Schaulustige einen Rettungs- oder Katastropheneinsatz behindern, auf hohem Niveau, stellt der Experte fest. „Anstatt zu helfen, wird gefilmt. Die Leute wollen sich in Szene setzen. Immerhin könnten Freunde das Foto dann sehen.“

Dem stimmt auch Fritz ­Eller, Pressesprecher des Roten Kreuzes Tirol, zu. „Früher war der Stammtisch, an dem man schockierende Erlebnisse erzählte, nur klein. Heute gibt es die 1000 Freunde auf Face­book, mit denen man solche Sachen teilen kann. Die persönliche Profilierungsneurose spielt der negativen Entwicklung in die Hände.“ Eller hat deshalb einen Tipp an alle Filmer und Gaffer: „Verhaltet euch so, als ob ein Freund oder Familienmitglied betroffen wäre.“ Denn: Niemand wolle es gerne, dass solche Bilder der Liebsten verbreitet werden.

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